NICHTS TUN - Zen-Arbeit in Ottakring '09
So komplex und vielseitig sich auch der Begriff der Arbeit erweisen mag, kommt man doch schnell (und gesellschaftskonform) zum Schluss, dass Arbeit bedeutet „etwas zu tun“ im Unterschied zum „nichts tun“.
Aber was bedeutet „nichts tun“?
Ist dies überhaupt möglich?
Und was hat Zen-Meditation damit zu tun?
zen
„Die Erklärung von Zen geht über den Begriff der Erklärung hinaus (hinunter…) und beruht auf dem Moment der Erfahrung“
Versucht man Beispiele für dieses „nichts tun“ anzuführen, kommt vielleicht die Vorstellung der Zen- Meditation, eine Meditationspraxis, welche auf dem Moment der Erfahrung beruht und deren Wurzeln im (indischen) Buddhismus liegen.
Aus einer der drei Hauptrichtungen des Buddhismus, des Mahayana, entwickelte sich unter anderen, die Schule der Zen- Philosophie, welche unter dem Einfluß des Daoismus große Verbreitung in Japan fand. Diese wiederum entwickelte drei Lehrtraditionen, eine davon die Rinzai-shū, die Zen- Meditationspraxis, welche von der Leitung des Zen- Zentrum in 1090 Wien praktiziert wird.
Die Hauptlehrmethode aller Zen- Schulen ist das „Zazen“, die Sitzmeditation im Stillen und die wichtigste und grundlegendste sowie reduzierteste Form der Zen- Meditation, ein „Zustand“ also, der dem Begriff des „nichts tun“ schon sehr Nahe kommen könnte und im Rahmen von Soho in Ottakring im Zen- Ort (Neulerchenfelderstr.83) von jedem Besucher erfahren (ausprobiert, eingeübt…) werden kann.
Bejaht man nun die Frage weitgehend, dass Zen- Meditation etwas mit „nichts tun“ zu tun hat, erweist sie sich als ein konträres Element zu üblichen Vorstellungen von Arbeitsprozessen und entsprechenden Ausdrucksformen (Bsp. Gegenüberstellung: „Zazen“- die Sitzmeditation)
Verneint man die Frage tendenziell, könnte die Antwort lauten:
Zen ist die Arbeit im Moment zu Sein
Wird die Dualität aufgehoben (ein rationaler Erklärungsansatz für das „Ziel“ der Zen- Meditation), erscheinen Definitionen und Fragen diesbezüglich obsolet und Vorstellungen von Tun/Nichtstun können relativiert werden.
Die Dualität als alltäglich (menschlich) erfahrbares Werkzeug, welche durch die Praxis der Zen- Meditation (Bsp.: „Zazen“- Sitzmeditation) aufgehoben werden kann.
zeit
Die Organisation von urbanen Strukturen und im weiteren Sinn die verschiedenen Gesellschaften/Gemeinschaften/die Welt, sind existenziell von der Einteilung der (Uhr-)Zeit abhängig, wobei die Zeit traditionell einen wichtigen Parameter in Arbeitsprozessen (Arbeitnehmer) darstellt:
Von der Einführung der Stechuhr (Stempeluhr) im Industriezeitalter bis zum Begriff der Zeitarbeit. Wobei der Wert der gemessenen Arbeitszeit durch Ergebnis- Orientierung (Werkverträge, freier Dienstnehmer, Selbstständiger, Projektarbeit etc.) und die freie Marktwirtschaft (Vorstellungsverlust des realen Werts eines Dinges/Leistung durch Billig- Konkurrenzangebote, Pauschalpreise etc.) aufgeweicht wird.
Was tut die Zen-Meditation mit der Zeit?
….davon abgesehen dass im Übungsprozess der Zen- Meditation, klare Strukturen notwendig sind, wo auch die Uhrzeit ein Rolle spielt....: Zum Beispiel wird mit Hilfe der Abbrenndauerzeit eines Räucherstäbchens (ca. 25 Min.) eine Sitz-Meditationseinheit (=ohne Pause) gemessen, welche der durchschnittlichen Dauer entspricht, wie lange sich das menschliche Gehirn im maximaler Weise ohne (kurzer) Pause (Innehalten) konzentrieren kann.
Im ursprünglichen Sinn aber ist auch der Begriff der Zeit in der Zen- Meditation aufgehoben und kann im Kontext von ökonomischen und gesellschaftlich anerkannten Produktionsprozessen (Zeit/Leistung/Arbeit/Sinnstiftung = Geld/Profit/Wert/Glück) durch sein (einfaches oder bedingungsloses) Sosein („es ist wie es ist“) diese relativieren oder parodieren. (siehe Setting: Boden, Uhren, Stechuhr).
ort
So könnte sich der Zen- Ort in Ottakring als eine alternative Arbeitsstätte von Arbeitsprozessen der anderen Art präsentieren.
Grundsätzlich aber ist Zen- Meditation an keinen Ort gebunden und kann zu jeder Zeit und an jedem Ort praktiziert werden.
Der Zen- Ort, ein Raum der Stille, Zeitlosigkeit, Reduktion und Bewegungslosigkeit (Innen), positioniert inmitten des bewegten, urbanen Umfeld außen (Straße(n-)Verkehr, Passanten- Aktivität, Veränderung, Uhrzeit) möchte die Interaktion (räumlich: Glasfassade) vermeintlicher Dualitäten nutzen und den vom Dualismus konditionierten Besucher einladen, die Schwelle (Beschreibung siehe Setting) zu durchschreiten, um „Zeit“ und Raum zu bieten, im Moment der Erfahrung, persönliche Arbeitszeiten und Lebenszeiten neu wahrzunehmen und auszuloten.
SETTING
ort
Nach Möglichkeit ein relativ großes, leeres Geschäftslokal (etc.) mit einem möglichst großem Schaufenster oder einseitiger Glasfassade um die Interaktion von Innen und Außen zu gewährleisten.
Installationen im Zen-Raum
BODEN
Der Boden des Zen- Raumes wird mit aktuellen AMS- Stellenausschreibungslisten (Papierausdruck, AMS 16. Bezirk) ausgelegt und nach Möglichkeit werden immer wieder frische Ausdrucke darüber gelegt. Eine visuelle (provokante) Inszenierung von der Begegnung alltäglicher Produktionsmöglichkeiten (Stellenausschreibungen/Schichtungen) und der anderen (und durchaus anspruchsvollsten) Arbeit im Moment zu Sein (Meditierende) wird geschaffen.
UHREN
Um auf die Relativität der Zeit in der Zen- Meditation und der Relevanz der Zeit (-Messung) in der Arbeitswelt und im täglichen Leben hinzuweisen, werden (max.) zwölf (Bezug: Tag/Nacht Ordnung/2x12h), formal gleiche Uhren im Zen- Raum aufgehängt (bzw. Alternative: Videoprojektion), welche alle in unterschiedlicher Weise „falsch“ funktionieren (im Vgl. zur herkömmlichen Uhr(zeit)werk- Funktion): zu langsam, zu schnell, unrhythmisch, stillstehend, rückwärts, etc.
Die Uhren sollen so montiert sein, dass sie von den Meditierenden im Zen- Raum (innen) nicht einsehbar sind, sondern nur von den Passanten (außen) durch das Schaufenster zu beobachten sind. Dies könnte vermitteln, dass die Meditierenden im Innenraum sowohl einer falschen als auch richtigen Zeit enthoben sind („Zeit ist relativ…“) und die Beobachter im Umgebungsraum (außen) ein „Knacksen im Uhrwerk“ verspüren könnten.
Die Hinterfragung nach dem Umgang (westlicher) Gesellschaften/Kulturen mit der Zeit kann so in unmittelbarer Praxis ausgelotet werden ohne theoretischen (oder moralischen) Hintergrund.
SCHWELLE
Die Frage der Schwelle ist eine Frage/Annäherung nach diesem Nichts.
Die Schwelle verkörpert den Übergang vom Innenraum zum Außenraum und stellt diese beiden vermeintlichen Gegensätze zueinander in Beziehung. In diesem Kontext wird etwas über diese beiden Polaritäten ausgedrückt, jedoch nichts Eigenes über die Schwelle an sich ausgesagt. Sie erweist sich als „ein weder noch Begriff/Zustand“ und kann als „Alles- oder Nichts- Qualität“ bezeichnet und weiter gedacht mit dem „Da- Sein“ des Moments begriffen werden (- was wiederum ein rationaler Erklärungsansatz für Zen sein könnte).
Die Schwelle als weltliches Bild von Zen.
Zwischenräume als Metapher für Zen, die keiner eindeutigen Kategorisierung zuordenbar sind und sich mehr dem Pendel (Auslotung) als der klaren Definition verschrieben haben.
MATERIELLE DARSTELLUNG/PERSONIFIZIERUNG DER SCHWELLE
Stechuhr (nach Möglichkeit)
Anhand der Stechuhr wird die Schwelle verortet (klare Definition) und an einen exakten Punkt der Zeitlinie (lineare Zeit) fixiert. Durch den Verweis auf die Uhrzeit beim Ein- und Austritt des Zen- Ortes und der aktiven Teilnahme des Besuchers („Abstempeln“ beim Hinein- und Hinausgehen), soll ein Bewußtsein für die gemessene Zeit geschaffen werden, welche nötig ist, um deren Mechanismen zu unterlaufen und womöglich im Zen- Raum erfahren werden kann.
Zusätzlich verläßt der Besucher den Zen- Ort mit einer Manifestierung der „objektiven“ und gesellschaftskonformen Zeitmessung (Stempelkarte- Messung der Arbeitszeit in Firmen/Betrieben), welche simpel seinen Aufenthalt im Bezug auf die Länge der Uhrzeit dokumentiert.
Möglicherweise stellt sich aber eine Diskrepanz zwischen der gemessenen Uhrzeit auf der Stempelkarte und der subjektiv erlebten Zeit im Zen- Raum ein.
Somit kann die Stempelkarte in ihrer Metaebene auch als Dokument für eine Arbeitszeit der anderen Art fungieren.
Skulpturale Arbeit(en) von Alex Jiresch:
Der Künstler Alex Jiresch, welcher sich in vielfältiger Weise sowohl in materieller als auch konzeptueller Hinsicht seit vielen Jahren der Bildhauerei verschrieben hat und sich mind. neun Jahre seines Lebens (in NY, Bali) der ausschließlichen Meditationspraxis widmete, beschäftigt sich derzeit auch in seiner künstlerischen Auseinandersetzung, wieder intensiv mit der Praxis und Wirkung der Meditation.
Ein bis zwei ausgewählte Arbeiten, welche sich aus einer direkten Auswirkung seiner Meditationspraxis ergeben, sollen den Ort der Schwelle einnehmen, da diese genau das sichtbar zu machen scheinen, was ein verbaler und rationaler Erklärungsansatz über den der Dualität enthobenen Ort der Schwelle nicht zu erfüllen vermag.
„……..das Ziel wäre nicht vor oder hinter der Schwelle, das Ziel ist Nichts und somit der einzige subversive Akt der denkbar ist“
EINWEISUNGSVIDEO
Ein kurzes Video ohne Tonspur (Endlosschleife) soll erstellt werden, wo die wichtigsten Verhaltensregeln für eine „gelungene Zen- Meditation“ dargestellt werden und durch das Schaufenster oder beim Eingang (je nach Räumlichkeit des Zen- Ortes) jederzeit angeschaut werden kann.
(Als Alternative gibt es einen Zettelaushang bzw. die jeweilige Betreuungsperson steht für Fragen und Einweisungen zur Verfügung)
UTENSILIEN
Benötigte Utensilien werden an Ort zur Verfügung gestellt.
Anna Watzinger
Programm
- 17.5: 17:00 - 19:00 ERöFFNUNG: Einführungsvortrag von Dr. Fleur Wöss,
Möglichkeit zur Einschulung in die Zen-Meditationspraxis
19:00 - 21:00 Zen- Meditation: Zazen und Rezitation (Leitung)
- 18.5: 12:00 - 14:00 Zen-Meditation: Zazen (Leitung)
- 21.5: 15:00 - 19:00 „open-zen“: ca. 25- Min.-Einheiten: Zazen (Alex Jiresch)
19:00 - 21:00 Zen-Meditation: Zazen (Michael Zeier)
- 24.5: 15:00 - 19:00 „open zen“: ca. 25- Min.- Einheiten: Zazen (Michael Zeier)
19:00 - 21:00 Zen-Meditation: Zazen (Alex Jiresch)
- 27.5: 19:00 - 21:00 Zen- Meditation: Zazen (Alex Jiresch)
- 28.5: 15:00 - 19:00 „open zen“: ca. 25-Min.- Einheiten: Zazen (Alex Jiresch)
19:00 - 21:00 Zen- Meditation: Zazen (Leitung)
- 30.5: 15:00 - 21:00 ABSCHLUSSPROGRAMM:
Vorträge und anschließende Diskussionsmöglichkeit:
„Nachdenken über das japanische Schriftzeichen, welches sowohl die Zeit als auch den Raum beschreibt“ von Dr. Fleur Wöss
„Das Subversive im Wort „Nichts“ von Mag. Paul Matusek
Möglichkeit für persönliche Gespräche über die Zen- Meditationspraxis
Möglichkeit für Künstlergespräche
Besucherwünsche?
„open zen“
19:00 - 21:00 Zen- Meditation: Zazen und Rezitation (Leitung)
Japanische Snacks werden bereitgestellt
Veranstaltungen
- 17.05.2009 Nichts tun: Eröffnung
- 17.05.2009 Nichts tun: Zen-Meditation
- 18.05.2009 Nichts tun: Zen-Meditation
- 21.05.2009 Nichts tun: „open-zen“
- 21.05.2009 Nichts tun: Zen-Meditation
- 24.05.2009 Nichts tun: „open-zen“
- 24.05.2009 Nichts tun: Zen-Meditation
- 27.05.2009 Nichts tun: Zen-Meditation
- 28.05.2009 Nichts tun: „open-zen“
- 28.05.2009 Nichts tun: Zen-Meditation
- 30.05.2009 Nichts tun: Abschlussprogramm

