Gemeinwohl_©Magdalena Fritsch 2017_2

Akte 2 – Das Gesetz des Gemeinwohls

Tags: Täglich

Wo Altes Museum | Gomperzgasse 1-3
Was Ausstellung
Wann 2.–17. Juni

3. Juni, 17 Uhr Diskussion I – Gemeinwohl Sprache
3. Juni, 19 Uhr Diskussion II – Gemeinwohl Alternative Narrative
6. Juni, 13-19Uhr Workshop mit Studierenden der Akademie der bildenden Künste
10. Juni, 17 Uhr Kuratorinnenführung
13. Juni, 17 Uhr Vermittlungsprogramm mit Studierenden der Akademie der bildenden Künste

Demokratie zwischen Utopie und Unbehagen

Magdalena Fritsch und Sophie Lingg, Kuratorinnen

Das von Sophie Lingg und Magdalena Fritsch geschriebene „Gesetz des Gemeinwohls“ (2017) setzt sich zum Ziel, populistischen Strömungen entgegenzuwirken. Diesem Gesetz folgend werden u.a. künstlerische Arbeiten von Luka Jana Berchtold, Deniz Beşer, Sezer Dilan Zırhlı sowie das WUNSCH.AMT, die NSU-Spots und die Hefte von NaseZine präsentiert, die sich mit aktuellen Sichtweisen auf die Gesellschaft, konkret mit Migration, Selbstermächtigung und Medien, auseinandersetzen. Die in der Ausstellung vertretenen künstlerischen Positionen fungieren damit allesamt als Beitrag zum Themenkomplex „Gemeinwohl“, indem sie im Ausstellungsraum in Bezug zu den nachhallenden Spuren des während des Ausstellungszeitraums stattfindenden Gesprächs gesetzt werden.

Diskussion I Gemeinwohl Sprache

Was bedeutet es, sich der Sprache der Justiz zu bedienen, um ein fiktives Gesetz zu verfassen? Welche Gefahren bergen Verallgemeinerungen? Wie gefährlich ist verkürzende Sprache? Mit welchen sprachlichen Strategien arbeitet der Rechtsextremismus? Gibt es Verschiebungen von Wortbedeutungen? Wie kann differenziertes Sprechen in der Schnelllebigkeit des Alltags Gehör finden? Welche Rolle soll Sprache im gemeinschaftlichen Zusammenleben einnehmen?

Diskussion II Gemeinwohl Alternative Narrative

Welche Rolle können privaten Archive zur offiziellen Geschichtsschreibung einnehmen? Welche Möglichkeiten der Selbstermächtigung ergeben sich durch diese Dezentralisierung? Wie können diese alternativen Narrative zur hegemonialen Geschichte in einer Gesellschaft wirksam gemacht werden? Wie ist das Verhältnis von Social Media und der Demokratisierung von Wissen?

Künstlerische Positionen:

Anna Barbieri in Kooperation mit den Fitten Titten: Die architektonische Soundcollage „Neue Signale“ lässt den Refrain der Internationalen im Inneren der Hofanlage, unter den großen und kleinen Arkadengängen, auf der Empore über dem Brunnen, in den Durchfahrten und bei den Eingängen zu den Stiegen erklingen. Die Architektur des Roten Wiens ist das Sprachrohr, der Verstärker und die Kulisse für die Erforschung des Vereinigenden und Unheimlichen in der Hymne der Arbeiter*innenbewegung.

Deniz Beşer: Die Praxis von Beşer ist ein Arbeiten zwischen Malerei, Zine-Produktion, Musik und Video. Die Kombination dieser Medien wird für gewöhnlich eher in installativen als in isolierten Arbeiten präsentiert. Da Beşer sowohl in der Fanzine wie auch Street-Art Szene aktiv ist, sind seine Arbeiten durchwegs von der Ästhetik dieser Szenen inspiriert. Inhaltlich konzentrieren sich Deniz Beşers Arbeiten auf die absurden Auswüchse der Postinternet-Popkultur, sie verfolgen Internet-Phänomene und deren Protagonist*innen, und porträtieren die stillen Helden des täglichen Lebens in der Türkei und in Österreich. Seine letzte Serie analysiert Utopien, Widerstände und Transformationen des öffentlichen Raumes mithilfe eines „absurden“ Ansatzes.

Luka Jana Berchtold: Luka Jana Berchtolds künstlerische Arbeit Klementine ist eine Keramik im Latex-Look, die auf einem kleinen Küchlein aus Beton, Sägemehl und Pigment fußt und von zitterndem Stahldraht getragen wird, zum Fall verurteilt. Klementine ist ein Symbol für strukturelle Diskriminierung, Intransparenz und Machtverhältnisse.

Iris Blauensteiner: Der Film „Rast“ von Iris Blauensteiner zeigt die Bewohner*innen eines Lkw-Rastplatzes und eines Campingplatzes bei Wien, die sich die Nähe zur gleichen Autobahn und ein Bedürfnis teilen: Das Ruhen und Rasten zwischen dem Reisen – die einen im Urlaub, die anderen bei der Arbeit.

Magdalena Fritsch und Sophie Lingg: Das Künstler*innen-Kuratori*innen Duo Magdalena Fritsch und Sophie Lingg setzt mit dem Verfassen des „Gesetzes des Gemeinwohls“ den thematischen Rahmen dieser Ausstellung. Das Gesetz gilt als Ausgangspunkt für eine umfangreiche Auseinandersetzung in verschiedenen Formaten: Überbleibsel einer experimentellen Diskussion, eine Beweissammlung, Audio-Texte sowie das während der Diskussion entstandene Protokoll setzen sich auf vielschichtige Weise mit dem Gesetz des Gemeinwohls auseinander.

Christoph Kolar: Die Filminstallation „Stadt des Kindes“ zeichnet das Ende der Utopie eines sozialpädagogischen Konzepts nach. Die Arbeit von Christoph Kolar untersucht die Entwicklung dieses Ortes des Gemeinwohls, hin zu einen Ort teurer Eigentums- und Mietwohnungen.

Infoladen: Der mobile Infoladen wurde von einer losen Gruppe in Wien initiiert, mit dem Ziel gesellschaftskritische Inhalte zu verbreiten. Das Sammeln, Teilen und Verteilen von politischen Magazinen, Zines und Sticker versteht sich als ein Beitrag zu einer solidarischen Welt und setzt sich für ein gutes Leben für alle ein. Inhaltliche Schwerpunkte sind Anarcha-Feminismus, Queer, Selbstermächtigung, kreative Aktionsformen, politische und soziale Kämpfe und Bewegungen, DIY/Commons und Ökologie/Nachhaltigkeit.— https://infoladen.kukuma.org/ 

NaseZine: NaseZine ist ein Fotokopie-Magazin (Fanzine), das von La Garçonne, Es Eflatus, Deniz Beşer and Du von Jetzt- Muzaffer Hasaltay gegründet worden und in drei Sprachen veröffentlicht wird. Der Name ist von dem Ausdruck „to stick your nose in…“ abgeleitet, der sowohl im Türkischen (‚herşeye burnunu sokmak‘), wie auch im Deutschen („die Nase in etwas stecken“) existiert. Das Kollektiv von NaseZine möchte die Freude teilen, die Nase in eine Vielzahl von unterschiedlichen Dingen zu stecken. Das Zine selbst wie auch die im Rahmen dessen veranstalteten Events verstehen sie als ein Zusammenkommen der türkischen wie postmigrantischen subkulturellen Szene Wiens. —facebook.com/nasezine

NSU-Spots: Die NSU-Spots wurden anlässlich des Tribunal NSU-Komplex auflösen (05/2017, Köln) produziert. Die verschiedenen Künstler*innen und Filmemacher*innen setzen sich darin mit unterschiedlichen Aspekten der terroristischen Anschläge des NSU in den 1990er Jahren in Deutschland auseinander.

WUNSCH.AMT (Kerstin Hruza und Tiana Katinka): Die partizipative Wanderperformance WUNSCH.PASS des WUNSCH.AMTS setzt sich mit der Vielfalt subjektiver Identitätsbilder und ihren Entstehungsprozessen auseinander. Den Partizipierenden wird die Voraussetzung geschaffen, sich jenseits ihrer rechtlichen Identität, gesellschaftlichen Zuschreibungen und Diskriminierungen, frei nach individuellen Vorstellungen zu erfinden.

Sezer Dilan Zırhlı: Die Arbeiten „End of Truth“ und „Fear of Truth“ setzen sich mit den Themen Post-Truth Politics und der Begriff Parrhesia auseinander (Michel Foucault/ „Der Mut zur Wahrheit“). Im engeren Sinne beschreiben sie einerseits den Manipulationsversuch von Politiker*innen („End of Truth“) und andererseits die Auseinandersetzung um die eingeschränkte Pressefreiheit („Fear of Truth“).

© Magdalena Fritsch