Ausstellung Oktober 2015

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9000 km Häppchen – wanderndes Wissen

Künstlerische Sichtweisen auf Migration in der Esskultur am Beispiel von Mais, Erdäpfeln und Quinoa

16.–29. Oktober 2015, Altes Kino Sandleiten, Liebknechtgasse 32,  1160 Wien
Allgemeine Öffnungszeiten: Dienstag – Sonntag, 14–19 Uhr

E r ö f f n u n g : Donnerstag, 15.10.2015, 19.00 Uhr

A r t i s t  T a l k : Donnerstag, 22.10.2015, 19.00 Uhr
Diskussion mit Kurator Hansel Sato und KünstlerInnen zu den Inhalten der Ausstellung. Dazu werden lateinamerikanische Gerichte aus Mais gereicht.

F ü h r u n g e n  durch die Ausstellung:
Donnerstag, 22.10.2015 um 18.00 Uhr
Sonntag, 25.10.2015 um 15.30 Uhr

 

9000 km Häppchen – wanderndes Wissen  / Hansel Sato

Die Anbaufrüchte der „neuen Welt“ haben die regionalen Essgewohnheiten des Abendlandes vollständig verändert. Aber die Mehrheit der EuropäerInnen ist wenig mit der Wissensgeschichte über außereuropäische Kulturen vertraut1, etwa mit dem weiten Weg der Gottesgabe des Maises an die Maya bis zu Verwendung von Mais als genmodifiziertes Futtermittel in der Fleischproduktion. Ebenso sind agrartechnische Methoden und Errungenschaften des globalen Südens kaum bekannt.

Was wäre zum Beispiel die Küche Italiens ohne Paradeiser oder die ungarische Küche ohne Paprika? Nach 1492, dem historischen Jahr der „Entdeckung“ Amerikas, sah keine Küche der Welt mehr so aus wie davor: Gemüsesorten wie Erdapfel, Chili, Paradeiser oder Mais haben sich in Europa erfolgreich durchgesetzt. Bemerkenswert ist aber, dass nicht die Zubereitung von Gerichten gereist ist, sondern nach und nach die Rohprodukte in Europa angepflanzt wurden.

Das zeigt, dass die westliche Kultur und ihre Schöpfungen ein hybrides Produkt sind, ein „Resultat von kulturellen Überschneidungen, die teilweise aus antagonistischen Denkinhalten und Logiken bestehen“.2

Zu diesen sozio-kulturellen und historischen Gegebenheiten nehmen sechs KünstlerInnen Bezug und setzen sich mit Agrarprodukten, die aus Lateinamerika stammen, auseinander.

Die Installation von Sandra Monterroso wirft einen Blick auf die präkolumbianische Herkunft von Mais und gibt gleichzeitig ein politisches und ökologisches Statement ab. Hierbei wird die Auseinandersetzung mit kolonialen Machtstrukturen miteinbezogen, denn die Reise der heiligen Pflanze der Maya nach Europa war kein Ergebnis von friedlichen Austauschprozessen.

Mit den Medien Fotografie, Video und Mischtechniken schildert Carla Bobadilla aus eigenen Erfahrungen – sie lebt in der Nähe von Wien – ihre Beobachtungen über die Veränderungen der Landschaft und der Lebensräume von Wildtieren in Niederösterreich durch die monokulturelle Bewirtschaftung von großen, zusammenhängenden Flächen mit Pflanzen wie Mais, der als Tierfutter angebaut wird oder der Produktion von biologischem Treibstoff dient.

Die Künstlerin hat außerdem ein Kunstvermittlungsprojekt zum Thema „Transkulturalität und Ernährung“ in Kooperation mit 2 Wiener Schulen durchgeführt. Die Ergebnisse werden in der Ausstellung gezeigt.

Am Beispiel der Kartoffel thematisieren die Fotografien von Baduc Gibaja die symbiotische Interaktion zwischen Mensch, Nahrung und Kultur. Gleichzeitig wird der menschliche Körper als eine Metapher des nackten Lebens, der bloßen leiblichen Existenz dargestellt, die von postkolonialen Grenzregimen bedroht wird.

Hansel Sato zeigt ein Comic, das ironische Kommentare, Pop-Ikonografie, historische Zitate und populäre Wissenschaft vermischt, um Aufklärungsarbeit über das Thema Quinoa-Konsum in Lateinamerika und Europa zu leisten und dabei die vielfältigen postkolonialen Verschränkungen von Politik, Geschichte und Wirtschaft zu beleuchten.

Der in Lima lebende Künstler Emilio Santisteban zeigt mittels Video, Fotografie und Infografiken die Ergebnisse einer transdisziplinären Forschung, die in Cuzco, Peru stattgefunden hat. Die Recherche folgt den historischen Spuren der Kartoffel aus den Perspektiven’ der Kunstgeschichte, Ernährungswissenschaft, Soziologie und Ethnologie.

In ihrer Installation stellt Marija Mojca Pungerčar die lange Reise von lateinamerikanischen Pflanzen ins Abendland dar. Die Installation wird mit Objekten verwirklicht, die bei urbanize! Internationales Festival für urbane Erkundungen im Rahmen des Workshops „Socialdress serve & store bags“ entstanden sind. Das Hauptthema des Workshops war die affektgeladene Beziehung zwischen dem Menschen und seinen Ernährungsgewohnheiten.

Ernährung war für Menschen immer schon mehr als nur bloße Nahrungsmittelaufnahme. Essen bedeutet auch Lustgewinn oder visualisiert den Status. Heute ist es ein ökologisches und soziales Statement geworden, die Metapher eines Lebensentwurfes, das Ergebnis ethischer und politischer Überlegungen. Solche Reflexionen und politischen Positionierungen sind zweifellos notwendig in einer Zeit, in der geopolitische Ausgrenzungsmechanismen immer noch aktuell sind und das Wort Migration oft negative Konnotationen hervorruft. Vielleicht kann uns die Kunst daran erinnern, dass die „Einwanderer“ (seien sie Menschen oder Agrarprodukte) einen wesentlichen Beitrag zur Entstehung der eigenen kulturellen Identität geleistet haben.

 

1 Vergl. Studie der Friedrich Ebert Stiftung > http://library.fes.de/pdf-files/do/07905-20110311.pdf

2 Vergl. Homi Bhabha, Theoretiker des Postkolonialismus an der Universität Harvard.

 

Kurzbiografien der KünstlerInnen

Carla Bobadilla lebt und arbeitet seit 2002 in Wien als bildende Künstlerin (Schwerpunkt: Fotografie und Kunstvermittlung). Sie studierte Bildende Kunst an der Universität Playa Ancha, Valparaíso, Chile. Ihre Magisterarbeit schrieb sie zum Thema: „Die Agrarreform als Reform der Landschaft“. Seit 2012 lehrt sie an der Universität für Angewandte Kunst Wien. www.carlabobadilla.at

Sandra Monterroso, geb. In Guatemala, absolvierte einen Master-Lehrgang in „Design Process“ an der Universität UPAEP (Universidad Popular Autónoma del Estado de Puebla) in Puebla, Mexico und studiert aktuell im „PhD in Practice“-Programm an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Bisher acht Einzelausstellungen, Beteiligung an über 30 internationalen Gruppenausstellungen, darunter heuer auf der 56. Biennale von Venedig und auf der Havanna Biennale. Diverse Preise und Stipendien.

Baduc Gibaja Pacheco ist Peruaner und lebt seit 2002 in Österreich. Seine Kunst umfasst ein breites Spektrum angefangen von Malerei, Siebdruck, Fotografie über Produktdesign und 3-D-Druck bis hin zu Underground-Projekten. Im Berufsorientierungsprogramm „Space-Lab“ in Wien arbeitet Baduc im Kreativbereich auch viel mit Jugendlichen mit Migrationshintergrund zusammen. Ausgehend von den dort gesammelten Erfahrungen und seiner eigenen Geschichte hat er sich insbesondere mit den Themen Migration, Rassismus und kultureller Diversität auseinandergesetzt.

Marija Mojca Pungerčar, geboren in Novo Mesto, Slowenien, arbeitete in den 1980er Jahren zunächst als Modedesignerin, bevor sie ihre Kunststudien an der Akademie der Bildenden Künste in Ljubljana 1989 und am San Francisco Art Institute 2001 abschloss. Seit 1991 ist sie freischaffende Künstlerin (Video, Fotografie, Performance und Installation) und Kostümausstatterin am Theater. 2004 war sie Gründungsmitglied von Trivia Art (KUD Trivia). Pungerčars Arbeiten, insbersondere ihr Schwerpunkt „social dress“, kennzeichnet ein großes soziales Engagement, das sich in kritischer Weise auf Konsumkultur bezieht und sich für lokale Gemeinschaften einsetzt. www.3via.org/html.php?htm=mojca

Hansel Sato, geb. in Trujillo, Peru, kam 1998 mit dem UNESCO-Aschberg Stipendium für Künstler nach Wien, wo er seither lebt und arbeitet. Abschluss in Malerei und Grafik an der Universidad Catolica in Lima und Akademie der Bildenden Künste in Wien, wo er auch Lehrbeauftragter ist. Er hat sein Land bei verschiedenen Biennalen und internationalen Events vertreten. Sein künstlerischer Schwerpunkt ist Grafik und Kunsttheorie. www.hanselsato.com

Emilio Santisteban, geb. in Lima, Peru, seit 1990 Performancekünstler. Beteiligungen: Lugar Común, Quito 2014; IV. Biennale Deformes, Chile 2012 (Ko-Kurator); Eurolatin Performance Tour, Zürich-Basel- Hannover-Berlin 2010 (Ko-Kurator); Blind Date, Cusco 2009 (Leiter); IV. Biennale Tijuana; VIII. Biennale Havanna; III. Biennale Porto Alegre; VI.I Biennale von Kairo www.emiliosantisteban.org

 

Wir bedanken uns für die Unterstützung von „social dress“:

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