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- “Parallelgesellschaft“ der Krone-Verkäufer
Sollen Asylsuchende in Österreich finanziell überleben dürfen? Die Innenministerin ist dagegen – von Kerstin Kellermann
Täglich erhielten wir Besuch aus Traiskirchen. Aus dem Flüchtlingslager heraus wagten sich die Menschen nach Wien, weil sie gehört hatten, dass es eine Flüchtlingszeitung geben wird. Mit einer Mischung aus Bewunderung, Stolz und Angst beobachteten die Mitarbeiter der Bunten Zeitung im April 2000, wie es die jungen, afrikanischen Männer in dem Gewimmel in den Wiener U-Bahnen schafften, unser migrationspolitisches Magazin zu verkaufen.
Die Hälfte des Verkaufspreises für die Verkäufer, die andere Hälfte für die Zeitung. Wir schufen aus dem Nichts heraus eine schlechte finanzielle Überlebensmöglichkeit, einen „Job“ und keine „Lohnarbeit“: Zu den besten Zeiten lebten in Folge um die Hundert Flüchtlinge als Kolporteure und dreißig bis vierzig AutorInnen aus aller Herren Länder von der Zeitung. Das Team mußte den Vorstand mühsam überreden, dass es notwendig sei, die Flüchtlinge, die nach zwei Monaten im Caritasheim platzbedingt plötzlich auf der Straße standen und zum Teil noch jahrelang auf ihr Asyl warten würden, existenziell zu unterstützen.
“Schwoarze” Augustin-VerkäuferInnen
Es gelang uns auch, die gar nicht erfreuten Augustin-Vertriebsleute („Wir können kein Englisch!“) zu überzeugen, unseren erfolgreichen Verkäufern der ersten Stunde eine Chance zu geben. Seitdem gibt es „schwoarze“Augustin-VerkäuferInnen in den U-Bahn-Stationen, der direkte Kontakt zur Bevölkerung ist da.
Wie arrogant klingt es hingegen, wenn der EU-Abgeordnete Swoboda im Fernsehen vom österreichischen Arbeitsmarkt redet, der vor dieser Handvoll Flüchtlinge geschützt werden müsse. Denn es geht ja bei der EU-Asylrichtlinie zum Thema Flüchtlingsarbeit nur um die Möglichkeit, während der Wartezeit auf die Asylentscheidung finanziell überleben zu dürfen.
Bis ins hohe Alter
Viele wissen, wie schwer es ist, einen legalen Arbeitsplatz zu ergattern. Als in den 70er Jahren Flüchtlinge aus Pakistan, Indien, Ägypten oder Syrien kamen, durften sie stante pede als Zeitungskolporteure für Krone und Kurier arbeiten. Bis heute gab es keine Probleme mit den Behörden. Mit geringem Fixum plagten sich diese „selbstständigen Unternehmer“ in den Abgaswolken der Wiener Straßen. Heute leiden viele dieser ehemaligen Flüchtlinge aus der „Parallelgesellschaft“ der Kroneverkäufer an Berufskrankheiten, sprechen wenig deutsch und erhalten keine Pension – aus diesem Grund sieht man noch viele Kolporteure im höheren Alter.
Dichands Konzept ging auf: Die Krone wurde der Schlager, wohl auch durch den Zeitungsverkauf von um die 1000 Kolporteuren direkt an den Bürger auf der Straße. Aus dem Kompromis, einer schlechten Arbeitsmöglichkeit für Flüchtlinge, wurde ein Fixum mitten in der österreichischen Gesellschaft.
ÖVP lehnt sich zurück
Die Europäische Union tut sich seit Jahren schwer, einheitliche Regeln für den Umgang mit Flüchtlingen einzuführen. Die Länge der Schubhaft differiert zum Beispiel stark in den einzelnen Ländern. Trotzdem richten viele Flüchtlings-NGOs ihre Hoffnung auf die EU, denn die nationale Gesetzgebung wird noch direkter von wirtschaftlichen Interessen gesteuert. So konnte sich die ÖVP, zwischen der Arroganz der SPÖ, die nur für Paßinhaber sozial sein will, und der Koketterie mit dem Faschismus durch einzelne FPÖler, bequem zurücklehnen: Als angeblich „neoliberale Mitte“konnte sie bei der EU-Wahl Stimmen kassieren. Der ehemalige „Sicherheitsminister“ Strasser scheint zu wissen, wie der Markt funktioniert: Wenn die ideologische Abwehr hoch geschraubt wird, sinken die Preise am „Schwarzmarkt“ für billige Arbeitskräfte.
Sogar Kronezeitungs-Redakteur Claus Pandi gab im Club 2 zum Thema „EU-Asylrechtlinie“ zu, zu wissen, dass in mehreren Branchen (Gastwirtschaft, Landwirtschaft, Bauindustrie…) alles liegen und stehen bleiben würde – ohne die billige Arbeit der Flüchtlinge und anderer Einwanderer. Es wäre an der Zeit, bestimmte Arbeitsformen zu legalisieren, und nur human, auf den dadurch erzielten Profit zu verzichten.
Dieser Artikal erschien in derStandard.at, 12.6.2009 und wird aus aktuellem Anlass noch einmaal geposted.
Zur Autorin
Kerstin Kellermann war von 1999 bis 2003 Chefredakteurin der Bunten (Zeitung), seit 2005 ist sie Redakteurin der art in migration/SOHO IN OTTAKRING und ständige Journalistin des Augustin
siehe auch unter: http://derstandard.at/1244460484052/Parallelgesellschaft-der-Krone-Verkaeufer
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Augustin Nr. 152, Jänner 2005, HEROESLiebt „seine“ Zeitung, liebt Österreich, erkennt sich dennoch als „eine Null“: Kolporteur Mohamed Gomah
„Ich arbeite bis zu meinem Ende, kein Problem!“Dass an dieser Stelle Zeitungsverkäufer porträtiert werden, wird niemanden unter unseren LeserInnen überraschen. Dennoch stellt der folgende Beitrag eine Premiere dar. Unsere Aufmerksamkeit gilt diesmal einem, der die „Boulevardzeitung“ der anderen Kategorie, mit mächtigerem Hintergrund, unter die Leute bringt. Der Kolporteur Mohamed Gomah lebt seit 30 Jahren von und für die Kronenzeitung (bzw. Mediaprint). Ein Interview von Kerstin Kellermann.
Herr Gomah, Sie arbeiten nun schon über dreißig Jahre als Zeitungskolporteur für die Kronenzeitung. Welchen Beruf übten Sie vor dieser Zeit aus? Welche Ausbildung haben Sie?
Ich spielte Basketball in der ägyptischen Meisterschaft. Im Jahre 1970 nahm meine Mannschaft an der „African Championship“ für Basketball teil, wir wurden zwölftbeste von ganz Afrika. Aber neunmal von insgesamt 19-mal waren wir afrikanischer Meister. Wir besuchten Meisterschaften in Europa, in Karlovac, Skopje und Ljubljana und die Olympiade in Belgrad. 1972 spielten wir bei der Olympiade in München, mussten aber nach den Terror-Anschlägen sofort zurückfahren. Präsident Sadat schickte uns ein Flugzeug. Ich besuchte die Sportuniversität und war insgesamt neun Jahre lang beim Militär. Ich spielte zweimal bei den Militär-Basketballmeisterschaften mit, verdiente aber nicht besonders. Die jungen Basketballer heutzutage verdienen gut. Am 28. Dezember 1974 fand für mich das letzte Spiel in der African Championship statt, denn am nächsten Tag, am 29. Dezember, bin ich mit dem Schiff von Alexandria nach Venedig abgereist. Mit einem Freund gemeinsam erhielten wir ein Touristenvisum für Österreich, das damals einen guten Ruf hatte. Zwei Tage später feierte ich auf dem Schiff das schönste Sylvester meines Lebens.
Wann begannen Sie als Kolporteur für die Kronenzeitung zu arbeiten? Wie war damals die Lage?
Heute gibt es über 1000 Kolporteure, damals waren es nur 152. Wir fragten bald nach unserer Ankunft im Januar 1975 bei der Kronenzeitung um Arbeit, und seitdem bin ich dabei. Eine österreichische Frau, Waltraud Hassan, mit dem Spitznamen „Marika“, die Ehefrau eines Ägypters, unterstützte mich wirklich. Ohne sie wäre ich nicht da. Sie gab bei der Polizei eine Garantie für mich ab, eine Bürgschaft. Diese Frau werde ich in meinem ganzen Leben nicht vergessen. Seitdem die U-Bahn-Linie Nummer eins 1988 eröffnet wurde, arbeite ich da. Früher war das eine schwere Arbeit, weil wir Akkonto bezahlen mussten. Je höher die Auflage, je höher das Akkonto. Wenn ich alle Zeitungen verkaufe, erhöht sich die Auflage, das ist besser für mich, denn dann verdiene ich mehr. Früher waren wir alleine in der U-Bahn, doch jetzt gibt es diese Gratiszeitung. Außerdem werden auch mehr Abos verkauft, die billiger sind als der Straßenverkauf. 80 Prozent der Auflage aber müssen über den Straßenverkauf gehen. Ich bin über sechzig Jahre alt, seit dreißig Jahren arbeite ich für die Krone. Früher war besser, dass man ein relativ hohes Fixum für das Tragen der Jacke und auch für die Verteilung erhielt.
Waren die Leute freundlich? Wie wurden Sie von der Bevölkerung aufgenommen?
Die Österreicher sind liebe Leute, ich habe sehr guten Kontakt. Ich kenne Leute aus dem Parlament, der frühere Polizeipräsident kaufte bei mir. Ich habe meinen Standplatz in der U-Bahn-Station Kennedybrücke in Hietzing. Bundespräsident Fischer habe ich beim ägyptischen Club kennen gelernt. Einmal fragte ich ein paar Kunden wegen der Übersetzung eines Briefes an den Bürgermeister. Ich bin ein Mieter ohne Vertrag, ich brauche Hilfe, wollte ich dem Bürgermeister schreiben. Diese Kundin mit dem Namen Annemarie Rosa half mir eine Gemeindewohnung zu finden. Innerhalb von drei Wochen bekam ich meine Gemeindebauwohnung, und bis heute lebe ich in ihr. Später erhielt ich die Staatsbürgerschaft und wollte meine Frau holen. Es gab gerade einige Gesetzesänderungen bezüglich Aufenthaltsrecht. Ein Kunde, der Bankdirektor war, sprach mit der österreichischen Botschaft in Kairo, und dann ging es mit dem Visum ganz leicht. Und meine Frau kam zu mir. Jetzt kommen überhaupt keine jungen Ägypter mehr, denn es ist zu schwierig, ein Visum zu bekommen. Nur noch alte Leute gelangen im Rahmen der Familienzusammenführung nach Österreich.
Wie denken Sie über die Demokratie in Österreich?
Hier kann man normal mit einem Polizisten reden. Ich habe meine Ruhe. Ich kenne genau die Gesetze und die Verkehrsregeln, wenn ich mit dem Bus oder mit dem Auto fahre. Es gibt keinen Streit, jeder hat seine Religionsfreiheit. Mich besuchen viele Juden. Jeder für jeden und Gott für alle. Hier leben alle zusammen. Österreich ist wie eine Wohnung, in der alle leben können. Unter einer demokratischen Regierung hat jeder seine Ecke, in der er friedlich leben kann. Die Finger sind nicht alle gleich, die Leute sind nicht alle gleich. Ich bin ein Muselman, und die Leute wissen genau, dass ein Terrorist etwas anderes ist. Niemand hat den Krieg im Irak gewollt, es gibt so viele Tote – ein Krieg ist für alle schlecht. Seit 25 Jahren, seit dem Oktober 1979, arbeite ich auch als Läufer für die Lokale im zehnten Bezirk, jeden Abend zwei Stunden zu Fuß. Das ist mein Sport. Alle kaufen von mir, ich trinke Kaffee auch bei vielen jüdischen Leuten. Hier gibt es keinen Unterschied zwischen diesen und jenen von verschiedenen Religionen – Gott sei Dank!
(zwiti) Niemand hat mir gesagt, dass ich Sozialversicherung einzahlen soll
Wenn Sie am Abend auch noch arbeiten, wann schlafen Sie überhaupt, wenn ich fragen darf?
Ich schlafe von Mitternacht bis drei Uhr früh. Um halb vier beginne ich mit der Auslieferung, um vier kommt das Auto. Ich liefere an 24 Kolporteure aus, mit Lieferschein ausfüllen und allem. Wenn einer Probleme hat, kommt er zu mir, dann spreche ich mit dem Chef. Wir haben auch viele arme Leute aus Bangladesh oder Pakistan, mit denen rede ich Englisch. Wenn ein Platz frei ist, entscheidet der Chef, wer aufgenommen wird.
Wie sieht das aus: Wann werden Sie in Pension gehen?
Ich bin selbstständig, ich habe keine Pension eingezahlt. Niemand hat mir gesagt, dass ich Sozialversicherung einzahlen soll, auf diese Weise habe ich nur die Krankenversicherung eingezahlt. Ich bin selbst schuld. Ich arbeite bis zu meinem Ende, kein Problem! Im Winter bin ich einen Monat in Alexandria, wegen meinen Bandscheiben ist der Winter in Wien nichts für mich. Alexandria hat ein gutes Klima, 18 Grad Celsius im Januar. Hinter Alexandria liegt die Wüste Sahara, da gehen alle Autoabgase hin. Es ist nicht so voller Abgase wie Kairo mit seinen 14 Millionen Einwohnern und dem vielen Verkehr. Meine Frau Wafaa lebt nun auch schon längere Zeit in Ägypten, sie kommt nur im Sommer. Früher waren keine ägyptischen Frauen hier, sie war damals die dritte Ägypterin in Wien und ziemlich alleine. Mein Sohn hat „Englische Wirtschaft“ fertig studiert und arbeitet jetzt in einer Firma. Meine Tochter studiert in Alexandria Anthropologie. Ich bedanke mich bei der Zeitung, dass ich mein Leben aufbauen konnte. Ich habe durch die Zeitung meine Familie ernährt, eine Wohnung gekriegt, meine Kinder haben studiert. Ich liebe meine Zeitung, ich liebe Österreich, aber ich bin hier eine Null. Die Zeitung hat mir viel gegeben, und es ist nicht leicht, nach so langer Zeit aufzuhören. Ich bedanke mich bei der Zeitung für mein Leben. Ich gehe in Ruhe, ich bin zufrieden. Ich grüße jede Person, die bei mir eine Zeitung gekauft hat.
„… geringer, als es die optische Präsenz vermuten lässt“
Wann und wie startete die Kronenzeitung mit dem Straßenverkauf? Augenzeugen oder tätige Personen zu finden ist gar nicht leicht. Drei Ansprechpersonen auf höherer Ebene sind zu jung, um sich zu erinnern. Der vierte Herr hat zu Hause im Regal ein Buch über die Kolporteure liegen – vermutlich aus den 80er Jahren. Er verspricht nachzuschauen. Schließlich schreibt der Vertriebschef der Mediaprint, Prokurist Walter Aue, der Augustin-Journalistin eine E-Mail: „Ich bin 1969 in die Krone eingetreten, da gab es die Kolportage schon, in Wien wurde damals jede dritte verkaufte Krone über diesen Verkaufsweg abgesetzt. Durch veränderte Bedingungen ist heute der Verkaufsanteil wesentlich geringer, als es die optische Präsenz vermuten lässt, nicht zuletzt durch den Ausbau der Hauszustellung. Die seit der Wiedergründung der Krone 1959 tätigen Vertriebs- und Kolportageleiter sind leider bereits verstorben.“
Mit einem Interview mit einem indischen Krone-Kolporteur, der seit 1991 am Reumannplatz arbeitet, setzt Augustin-Mitarbeiterin Kerstin Kellermann in der nächsten Ausgabe ihre Dokumentation über die „Straßenzeitungsverkäufer der anderen Kategorie“ fort. Mit so manchen Migrantinnen, die den Augustin verkaufen, haben sie zumindest eines gemeinsam: Ihre im Herkunftsland genossene Ausbildung würde eine „qualifiziertere“ Tätigkeit in Österreich möglich machen.
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AUGUSTIN Nr. 153, Februar 2005Der Mediaprint-Kolporteur vom Reumannplatz liebt Österreich. Doch…
„Mit dem Turban kriege ich keine andere Arbeit“„Die Österreicher sind brave Leute, aber jetzt gibt es Probleme. Seit dem Krieg der USA in Afghanistan und dem Irak sind die Leute nicht mehr so nett – wegen dem Turban“, meint Mediaprint-Kolporteur Jaskirat Singh Randhawa. Dennoch ist sein Österreich-Bild positiv (ähnlich wie beim ägyptischen Kollegen aus Ausgabe Nr. 152) – was unsereinen immer wieder erstaunt.
„Muss ma bissl helfen!“, lächelt der Zeitungsverkäufer Jaskirat Singh Randhawa, mit dunklem Anzug, weißem Hemd und gelbem Turban fesch gekleidet und stolz auf seine Firma Mediaprint. Ein Asylwerber aus dem Pandjab, der erst vor kurzem aus Indien angekommen ist, begleitet uns ein Stück auf der Suche nach einem Kaffeehaus. „Der große Chef hat gesagt, mach ma Interview, also mach ma Interview. Meine Chefs haben mir immer genug geholfen, z.B. als mein Vater gestorben ist, durfte ich ohne Probleme nach Indien fahren.“ Zwischen 1980 und 1992 flüchteten viele Sikhs nach unglaublich viel Gewalt von beiden Seiten im Versuch einen eigenen Staat zu erkämpfen in Richtung Europa. Für die einen „freedom fighters“, für die anderen „Terroristen“, erhielten nicht wenige Asyl in Österreich und arbeiteten als Kolporteure.
Die Kronenzeitung hat die indische Frau Namita auf dem Cover, die ihr Baby am 26. Dezember auf einem Felsen geboren hat, auf den sie vor der Flutwelle geflüchtet war. Sie hat das Baby Tsunami genannt, damit es viel Kraft hat. Gefällt Ihnen das Cover? Möchten Sie etwas zu der Katastrophe sagen?
Mir gefällt das Cover. Im Kurier stand, dass es 145.000 Tote gibt und im Standard schreiben sie, dass 500 Österreicher vermisst werden. Obwohl meine Stadt Amritsar im Landesinneren liegt und nicht betroffen ist, möchte ich sagen, dass man allen Leuten helfen muss. Die Ereignisse sind eine Katastrophe für unser armes Land. Wenn alle Leute zusammen stehen und helfen, kann man schon etwas leisten.
In Indien gab es doch immer wieder blutige Auseinandersetzungen zwischen religiösen Gruppen. Haben die Sikhs nicht Probleme?
Doch, dieses Problem begann in Indien 1983 und dauerte bis 1992. Die Sikhs wollten eine eigenes Land haben. Aber wo soll das hinführen? Wenn dann noch die Hindu extra leben wollen, die Moslems extra und die Christen extra, bleibt niemand mehr übrig, um zusammen zu leben. Es ist schon besser, gemeinsam zusammen zu sein. Die Terroristen machen eine Katastrophe, das Ministerium schickt Militär, die legen Feuer, eine Hinduzeitung schreibt, verhaftet dieses Mann… und so geht das Problem immer weiter.
Wie wurden Sie nun ein Zeitungsverkäufer in Wien?
In Indien machte ich die Matura und anschließend einen Computerkurs. Ich komme aus Amritsar, 450 Kilometer von Neu Delhi entfernt, das ist eine kleine Industriestadt mit viel Textilfabriken und Geschäften. Als ich keine Arbeit mehr fand, bin ich nach Österreich ausgewandert. Ich hatte keine politischen Probleme. Am 9. September 1991 arbeitete ich den ersten Tag als Kolporteur, seitdem bin ich durchgehend am Reumannplatz.
(zwiti) „Es ist zu wenig Geschäft. Wir verdienen ja pro Zeitung, nicht pro Stunde“
Sind die Leute freundlich?
Die Österreicher sind brave Leute, aber jetzt gibt es Probleme. Seit dem Krieg der USA in Afghanistan und dem Irak sind die Leute nicht mehr so nett – wegen dem Turban. In „Täglich alles“ habe ich vor ein paar Jahren gelesen, dass am Prater ein älterer Zeitungsverkäufer, der einen Turban trug, erschossen wurde. Aber warum das passiert ist, stand nicht drin. Das weiß ich bis heute nicht. Schimpfen tun die Leute schon, aber nur die Jungen. Freitag, Samstag abends sind einige betrunken und schimpfen. Neulich sagte ein Junge mit bunten Haaren zu mir: „Gib mir eine Zeitung, aber ich habe kein Geld.“ Auf meine Antwort, dass die Zeitung nicht gratis ist, wurde er aggressiv. Ich bekam Angst, weil ich kurz zuvor beobachtet hatte, wie ein Junge wegen einer Religionsstreitigkeit ein Messer gegen einen anderen gezückt hatte. Die Stationsaufsicht und ein Kunde halfen mir. Aber sonst sind die Leute brav. Am Anfang gaben mir viele Leute zu Weihnachten Geschenke, aber seitdem der Euro vor zwei Jahren kam, haben sie kein Geld mehr. Manche sagen sogar, ich kaufe keine Zeitung, ich habe kein Geld.
Lebt ihre Familie in Wien?
Im April 1997 sind meine Frau und die Kinder nach gekommen. Wir haben das alleine geschafft. Meine Frau arbeitete in Indien bereits lange Jahre als Krankenschwester. Aber hier besteht sie den Deutschtest einfach nicht. Sie ist schon zweimal durchgefallen. Sie will arbeiten und versteht alles, aber sprechen kann sie nicht. Für Leute, die nicht Englisch gelernt haben, ist die deutsche Grammatik sehr schwierig. Meine Kinder gehen in das Gymnasium, mein Sohn ist Lesemeister in der ersten Klasse. Ich habe Deutsch gelernt, indem ich die Zeitungen lese. In der Krone unterliniere ich die Wörter, die ich nicht verstehe, und zu Hause schaue ich im Wörterbuch nach. Beim Standard lese ich auch immer die erste Seite. Den Kurier finde ich ein bissl schwierig. In Zukunft werde ich auch den Augustin anschauen, versprochen.
Wie geht es Ihnen mit der Gesundheit und mit Ihrer Pension?
Es ist schon sehr kalt beim Zeitungsverkauf. Manchmal bin ich so alleine, denn wenn es kalt ist, gehen die Leute nicht auf die Straße. Momentan zahle ich nur die Krankenversicherung ein, denn mein Einkommen ist nicht so hoch. Früher zahlte ich auch die Sozialversicherung, aber irgendwann hatte ich dann 71.000 Schilling Schulden und musste das auf Raten abzahlen. Es ist zu wenig Geschäft. Wir verdienen ja pro Zeitung, nicht pro Stunde. In Indien erhält man Pension, wenn man für die Gemeinde gearbeitet hat, wer privat arbeitet, bekommt keine. Ich habe schon über die Pension nachgedacht, aber es ist schwer. Man verkauft nicht so viele Zeitungen und mit dem Turban kriege ich keine andere Arbeit. In England kann man mit Turban sogar Polizist oder Busfahrer werden. Dabei bin ich gar kein politischer Mensch, ich bin ruhig und ich bin zwar religiös, aber kein Fanatiker. Manchmal habe ich Heimweh, die Wohnung ist auch klein mit den Kindern und es ist kalt, wie gesagt.
Gefällt Ihnen die Demokratie in Österreich?
In der Schule habe ich das Thema Demokratie studiert. Democracy is for the people, by the people and of the people. Das ist die Definition. In Österreich herrscht eine soziale Demokratie vor, in Indien nur die Demokratie. Der österreichische Staat gibt ein bisschen Hilfe wie Notstands- oder Wohnbeihilfe…, in Indien sagt der Staat, wenn wir keine Arbeit haben, ist das unser Problem. Die Österreicher machen ihre Wahlen alleine, aber bei den nächsten Wahlen werde ich als neuer Staatsbürger auch meine Stimme abgeben. Mir gefällt die soziale Demokratie.
Mit Jaskirat Singh Randhawa sprach Kerstin Kellermann
- „Freedom Fighter“ oder Terrorist?
08.06.2010 | 18:43 | GASTKOMMENTAR VON KERSTIN KELLERMANN (Die Presse)
http://diepresse.com/home/meinung/gastkommentar/572035/index.do
Militarisierung und Männlichkeit: Wie kann die Vermischung von Waffen, Erotik und Dominanz unterlaufen und unterbunden werden?
Es sind immer die Armen, die auf die Verführung und Berauschung durch Ideologien hereinfallen, auf die Propaganda von Nationalismus und von Männlichkeit oder von Ausprägungen von Religion – die, die nicht schreiben und lesen können, von der Hand in den Mund leben müssen und nicht wissen, aus welcher Quelle morgen ihre Ressourcen kommen. Weltweit verlassen Männer ihre Dörfer und ihre Familien, um sich militärischen Gruppen anzuschließen, in der Suche und mit Hoffnung auf ein besseres Leben. Sie glauben an „den“ Glauben. Das war bei den Mudjaheddin so und die Taliban-Kämpfer rekrutierten sich zu Beginn aus Waisenkindern, die in Männerbünden zu Killern gestählt wurden, sich ihren eigenen Mythos erschufen.
Wie werden Männer eigentlich immer wieder im Laufe der Geschichte mit Kopf und Körper zu Soldaten, wie militarisiert man Bauern? Wie funktioniert die propagierte Erotik der Dominanz, so dass einzelne „Untergebene“ wie im Bosnien-Krieg sogar sexuelle Gewalt als Kriegsstrategie anwenden können? Auf Befehl? Macht eine Uniform oder eine Waffe einen Mann zu einem ganzen Mann?
Süß und unschuldig?
Und vor allem die wichtige Frage: Wie diese Zusammenhänge von Militarisierung und Männlichkeit unterlaufen?
Die Künstlerin Jumana Manna, in Israel lebende Palästinenserin, versuchte in mehreren provokanten Aktionen und Selbstversuchen, die Mythen von Männlichkeit, Erotik und Gewalt auszutesten. Die junge hübsche Frau ging mit jungen arabischen Männern in deren Kinderzimmer in ihren Elternhäusern und fotografierte sie, auf dem Bett liegend unter ihren geblümten, bestickten Bettdecken mit weichen, entspannten Gesichtern, in weißen Unterleiberln und Shorts. Süß und unschuldig, aber in Posen, die „normalerweise“ von Frauen eingenommen werden. So ganz anders als die Klischees und Vorurteile in den Bildpolitiken der Medien, die oft eine entmenschlichte und furchterregende Männlichkeit dieser Jungs propagieren.
Für eine zweite Fotoserie „Arab Men“ fuhr Jumana Manna mit dem Auto ziellos allein als Frau durch die besetzten Gebiete. Sie hielt das Auto an, kurbelte das Fenster herunter, sprach einen Mann an und fotografierte den heranschlendernden Casanova in spe. Sie erwischte diesen nonchalanten aufmerksamen Blick des Begehrens in Richtung auf das Unbekannte, das Abenteuer. Und das ungläubige Erstaunen ob des Umdrehens der Situation in Bezug auf männliche und weibliche Rollen.
Eine Reihe von Schnappschüssen neugieriger Männlichkeit entsteht: Die eine Hand in der Türe auf dem versperrten Knopf, die andere lässig an der Windschutzscheibe – gefährlich und jung zugleich, sich ihrer Gefährlichkeit, Ausstrahlung und Macht bewusst, aber spielerisch. „Ich glaube nicht, dass sich diese Männer von anderen Männern in Macho- oder patriarchalen Kulturen unterscheiden“, sagt die Künstlerin selbst. „Arabische Männer wissen bereits sehr jung, was sie als Mann machen sollen, sie kennen ihre Rollen in der Gesellschaft. Sie sehen sich selbst als Kämpfer. Es ist eine starke Macho-Rolle, ein Stereotyp, aber zum Teil auch wahr. Es gibt viele Ähnlichkeiten mit israelischen Männern. Sie sind eigentlich noch Kinder. Sie sind sich nicht aller Aspekte bewusst, die sie als Soldaten und als Männer ausleben sollen. Die palästinensische Gesellschaft dreht sich durch die Okkupation im Kreis. An männlichen Rollen gibt es nur die Auswahl als ,Freedom Fighter‘ oder als ,Terrorist‘. Verteidiger oder Aggressor, das sind zwei Seiten der gleichen Medaille.“
Militarisierung schafft Unruhe in einer Gesellschaft, und Gesellschaften kämpfen über Generationen mit den Folgen – siehe Vietnam oder gerade Afghanistan und den Irak. Die jungen Menschen sind oft überfordert mit den Aufgaben, die Regierungen und Staaten ihnen stellen, eine ganze Generation kann vernichtet werden. Vernichten die alten Machthaber die heranwachsende Konkurrenz? Wie sollen denn junge Israelis mit dem Thema Töten und Getötet-Werden an der Grenze umgehen? Am 16.Februar 2008 wurde z.B. eine Frau aus Eritrea an der israelischen Grenze erschossen. Vor den Augen ihrer beiden acht- und zehnjährigen Töchter tötete ein ägyptischer Grenzsoldat die 37-jährige Mervat Mer Hatover bei dem Versuch, den Grenzzaun nach Israel zu überqueren. Die Töchter wurden verhaftet.
Armee öffnete sich
Das Jerusalemer „Museum on the Seam“ veranstaltet Führungen für die jungen Menschen beim Militär, die sonst mit Kunst nicht viel am Hut haben; die Kunstvermittler organisieren Führungen für Grenzsoldaten und für die Immigrationspolizei.
Seitdem bei der zweiten Intifada auf Demonstrationen dreizehn israelische Araber getötet wurden, veränderte sich in der israelischen Armee einiges, sie öffnete sich. Doch diese eifrigen Jugendlichen sollen auf Menschen schießen? Beschossen werden? Sie wirken bereits von der internationalen Kunst zum Thema, auf welche Weise Regierungen und Machthaber entscheiden, wie mit von Staatsbürgerrechten ausgeschlossenen Menschen umgegangen wird, überfordert. „Diese Ausstellung zeigt resolut auf den Platz, an dem eine zeitweise Notsituation in eine legitimierte, kontinuierliche Situation verwandelt wird, die am Ende zu einer Paranoia an Verdächtigungen und zur Benutzung von Gewalt zur Re-Etablierung der öffentlichen Ordnung führt“, steht in großer Schrift am Eingang des Museums, einer ehemaligen Militärkaserne hinter dem Damaskustor an der vierspurigen Road Number One.
Mag. Kerstin Kellermann ist freie Journalistin in Wien.
- „Die Bösen werden am Ende siegen“
Von Kindern, die Krieg und die Flucht überlebten: No Welcome in Austria
Zwölf Polizeibeamte, die ratlos ein schreiendes Kind umstehen, Prinzessinnen, die Schatzkisten nicht verlassen dürfen und Hunde, die Kinder besser beschützen als die österreichischen Behörden. Aus dem Alltag der Traumatherapeutin Sonja Brauner, die trotz Abschiebungen Kinderflüchtlingen stabile Augenblicke verschafft.
Kerstin Kellermann 28.05.2010«Neulich war auf ORF-Online eine Umfrage, bei wem man in Bezug auf die große Krise sparen sollte“, erzählt die Therapeutin Sonja Brauner vom Betreuungszentrum Hemayat in einem Cafe am Karmeliterplatz in der Sonne. «Das Ergebnis war: Bei Managern und bei Asylwerbern sollte man sparen… Bei Flüchtlingen wird in der Öffentlichkeit der Eindruck erweckt, die nehmen einem etwas weg. Aber wenn man in dieser Gesellschaft noch etwas erreichen will, dann über diese verzweifelten, allein gelassenen Flüchtlingskinder. Die Bevölkerung weiß nichts von deren Realität.»
1997 erstellte Heinz Fronek, der Leiter der Asylkoordination, eine Studie und eine erfolgreiche Kampagne zum Thema «Menschenrechte für Kinderflüchtlinge». Heute schüttelt er bei einer VIDC – Veranstaltung zu Kinderflüchtlingen nur müde sein Haupt: «Damals erzielten wir 200 Print-Beiträge in den Zeitungen für unsere Kampagne. Innenminister Schlögl konnte zu keiner Veranstaltung gehen, ohne auf die Lage der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge angesprochen zu werden. Mittlerweile ist aber alles schon so verroht. Es herrscht ein genereller Missbrauchsverdacht gegen Flüchtlinge vor – im Sinne von: Wir Östereicher werden von ihnen belogen und betrogen. Begriffe wie Trauma oder Minderjährige sind zu Schimpfwörtern verkommen.»
«Nachtsichtgeräte an den Grenzen erinnern ans Jagen», ergänzt Helmut Sax vom Boltzmann-Institut für Menschenrechte. «Die UNHCR (Flüchtlingshilfe-Organisation der UNOI) hat jetzt Kriterien der Überprüfung einer kindgerechten Rückführung entwickelt. Bei ‚Massenverfahren’ (?!) ist nämlich momentan keine kindgerechte Rückführung möglich. Es wäre viel einfacher, die Kinder zu Angehörigen weiter reisen zu lassen.» In einer «Aktion Beistand» wird ein Schattenbericht vom Kinderrechts-Netzwerk an die UNO in Genf gehen.Glückliche, stabile Augenblicke
«Als die Polizei die tschetschenische Frau mit ihrem kleinen Kind holen wollten, bekam der sechsjährige Junge eine Panikattacke. Die Beamten waren hilflos, sie forderten immer noch einen Polizeiwagen an und noch einen, am Ende umstanden zwölf Beamte das schreiende Kind.» Sonja Brauner, die das Kind traumatherapeutisch behandelte, konnte ihrem kleinen Klienten nicht mehr helfen. Mutter und Kind brachen bei der nächtlichen Festnahme zusammen, wurden in die Psychiatrie eingeliefert und sollten nach Polen abgeschoben werden, obwohl die Frau nach drei Abschiebeversuchen schon mit der «Caritas-Rückkehrhilfe» in Verhandlung stand. Warum versucht man eine Flüchtlings-Frau, die sowieso schon zurückkehren «möchte», nach Polen außer Landes zu bringen? «Das ist billiger», soll die Antwort gewesen sein.
Im Endeffekt konnte durch die Interventionen der Hemayat-Geschäftsführerin Cecilia Heiss und der Caritas-Rückkehrhilfe doch ein Flug erreicht werden. «Wir haben keinen Boden der rechtlichen Sicherheit, um therapieren zu können. Den brauchen wir aber!», sagt Brauner. «Der Junge war in Tschetschenien entführt und in einer Hundehütte samt Hund eingesperrt gewesen. Der Hund verletzte ihn erst und beschützte ihn dann. Die Mutter fand ihr Kind nach langer Suche. Sie gab nicht auf.»
«Auch Mütter mit Kindern müssen wegen illegalem Verlassen von Polen dort für drei Monate in Haft», erzählt Heinz Fronek. «Und die Abschiebung der Verantwortung und Deportation nach Griechenland von vielen afghanischen Jugendlichen bedeutet für manche den Tod. Die Altersfestellung wird mittlerweile flächendeckend in Graz durchgeführt und bringt bei allen eine Heraufsetzung ihres Alters. Dabei verhindert die Organisation FRONTEX nachhaltig, dass Flüchtlinge nach Österreich kommen. Waren es 2002 noch 39.000, so 2007 nur noch 11.000 Menschen. Im Jahre 2009 schlugen sich um die 1200 Flüchtlinge aus Afghanistan zwischen 16 und 18 Jahren nach Österreich durch.»«Es gibt bei jedem Hoffnung, sonst würde ich nicht mehr als Traumatherapeutin arbeiten», unterstreicht Sonja Brauner. «Wichtig ist es, dem Kind möglichst viele stabile und glückliche Augenblicke zu verschaffen. Der Kleine, der abgeschoben wurde, feierte seinen sechsten Geburtstag mit mir, er lachte und weinte gleichzeitig.» In der Praxis werden Kuscheltiere mit Kopfschüssen umgebracht, ertränkt und erstickt, Prinzessinnen in Schatzkisten eingesperrt, denn «die Bösen werden am Ende siegen».
Sogar Kinder werden mittlerweile aus laufenden Verfahren heraus abgeschoben. Andere treten mitsamt ihren «posttraumatischen Belastungsstörungen» in Redestreik: «Mittlerweile gibt es vier- oder fünfjährige Kinder von Flüchtlingen, die hier geboren sind und einfach nicht mehr sprechen. Sie erleben tagtäglich, dass ihre Eltern nicht gehört werden, egal, was sie sagen, niemand hört ihnen zu, dann lohnt sich das Sprechen nicht mehr. An wen können sie sich wenden? Es ist bitter, den Krieg zu überleben, die Flucht zu überleben und dann hier nicht willkommen zu sein.»
Hemayat arbeitet durch die finanziellen Strukturen an der Grenze zum Burnout. «Vor der Türe warten Hunderte und man kann nicht sagen, hör’ auf mit diesem starken Bedürfnis deiner Verzweiflung. Ich sehe das massive Leid dieser Menschen und muss sagen, Sie müssen auf die Warteliste. Manche nehme ich doch sofort, auch wenn ich keinen Platz habe.»Info
Im September 2010 erscheint ein Buch über die Arbeit von Hemayat im Mandelbaum Verlag
Kerstin Kellermann 05/2010
Artikel auch auf der Augustin Seite: http://www.augustin.or.at/article1512.htm
- art in migration 9

Die Ausgabe 9 der “spektakulären Kunstzeitschrift” (Eigendefinition) art in migration ist da.
Aus dem Editorial
Dear readers,
paper is everywhere. Despite technology such as the Internet and E-Books, it is not going to go away. We need papers to roll cigarettes, papers to get permission to stay or to travel. We read newspapers. Paper is folded, sat on, read, undervalued, sexy, sculptured, thrown away, important, cut out, written on, fun, worn, controlling, priceless, art, stupid, useless, useful…
This edition of art in migration is about paper and even if some of the articles are not, they have been all printed on paper!
Paper stores collective memory for our society and carries the unconscious on the surface of the conscious paper. At the same time, it is a very fragile material, easy to tear, destroy, and burn. Paper fades and turns yellow with age. Apartmentsget flooded with deluges of paper.For the upcoming election in Vienna, one paper will be important, the ballot paper. We would like to show how fragile the cohesion of society would become if it were only based on paper. Can this cohesion be strengthened and the emphasis on paper changed to other materials?
Kerstin Kellermann, Joshua Korn
Aus dem Inhaltsverszeichnis:
- Paper Soldier
By Lea Dolinski (Tel Aviv) ….. 3 - Paper Slavery
By Kit Bruczkowski (Warschau) ….. 4 - How do you want your story to be remembered?
By Valeria Ossio (Glasgow) ….. 6 - Schatten, Silhouetten und Neuanfänge
Von Khaled Mohammad ….. 8 - GENBAKU NO HI/Atomic Bomb Memorial Day
Von Aiko/Kazuko Kurosaki ….. 10 - Palestinian Women Rock the Net
By Lisa Rosenblatt ….. 11 - „Zur Störung gehört der Gestörte“
Von Kerstin Kellermann ….. 12 - Hier und Jetzt
Von Jelena Martinovic ….. 14 - Papierausschneidepuppe, Bastelbogen
Von Larisa Kocubej ….. 15 - No Comment
Von Aiko/Kazuko Kurosaki ….. 19 - „Keine denkfaulen DauerschlafwandlerInnen“
Von Hansel Sato ….. 21 - Mysterienspiel mit Kultgegenstand voller Briefe
Von Vanja Fuchs ….. 23 - ANNA, eine von uns
Von Natalie Deewan ….. 25 - What happened to Herbie?
By Lisa Rosenblatt ….. 26 - “Yiddish singing is 100 percent me“
By Joshua Korn ….. 28 - Von Polynesien, Erotik und Exotismus
Von Kerstin Kellermann ….. 30 - Textkunst Kunst und Markt ….. 29
- CD-review Lady Gaga
By Joshua Korn ….. 31
- Paper Soldier
- Pressestimmen zu SOHO IN OTTAKRING 2010
Eine Sammlung von aktuellen Pressestimmen zur diesjährigen Ausgabe von SOHO IN OTTAKRING
- FS SOHO auf okto zeigt:
WILLKOMMEN IN OTTAKRING
Eine Gästerunde zum SOHO Thema „KICK THE HABIT / PFEIF DRAUF! Ventil Rassismus.“
(08. Mai – 22. Mai 2010)Moderation: Edgar Lliuya
Gäste: Petja Dimitrova (IG Bildende Kunst), Hansel Sato (Künstler), Erika Köchl (VIDC Projektmanagerin) und Wolfgang Schneider (SOHO IN OTTAKRING)
Sendezeiten: Mi, 28.04.2010, 17:30 | Do, 29.04.2010, 15:30 | Fr, 30.04.2010, 13:30 | Sa, 01.05.2010, 01:30 | So, 02.05.2010, 09:30
- Rosenkranz darf man nicht unterschätzen
von Kerstin Kellermann
23. April 2010, 10:36Die FPÖ fährt derzeit eine Doppelstrategie und bedient zwei Generationen gleichzeitig in ihren jeweiligen Feindbildern
Neulich in der Sportunion: Ähnlich wie in der Muppet Show die zwei alten Herren in der Loge unterhalten sich zwei ältere Damen im Sportdress im Turnsaal. „Den Fischer, den falschen Hund kannst ja nicht wählen”, sagt die eine, „der hat ja eine jüdische Frau”. „Aber die Rosenkranz kannst auch nicht wählen”, schüttelt die andere ihr graues Haupt. „Die hat ja zehn Kinder!” Und wer hat heutzutage schließlich noch „einen Stall, eine Brut” von bis zu zehn Kindern zu Hause? Na eben: Die Ausländer!
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* WerbungHC Strache provoziert und bedient die Ausländerfeindlicheit der Österreicher, aber Frau Rosenkranz tut auch etwas Gefährliches: Sie steht mittlerweile für versteckten Antisemitismus in der Öffentlichkeit. Strache und Rosenkranz stehen für unterschiedliche Wählerschichten und Altersgruppen – es ist eine doppelte Taktik, die die FPÖ fährt. Sollte der Bundespräsident berufsbedingt eher eine erfahrene, würdige Person sein, so werden bei dieser Wahl „Würdenträger” und ihre Nachfahren angesprochen. Die Machteliten, die noch lange ihre Fühler nach politischer Macht ausstreckten, schienen langsam auszusterben. Nun wachen die klapprigen Gespenster wieder auf und Barbara Rosenkranz braucht nur ihren Mund zu halten, um als „gemäßigt” dazustehen. Eine jüdische Ehefrau und ein rechtsextremer Ehegatte ergeben in der österreichischen Bevölkerung eine angebliche Balance, bei der sich die ÖVP als „die Mitte, die vorne ist” positionieren und ihre angebliche Neutralität noch zelebrieren kann (siehe u.a. Presse-Chefredakteur Fleischhackers jugendlich-übermütigen Kommentar zum Weiß-Wählen).
„Rosenkranz darf man nicht unterschätzen”, titelte die Wiener Zeitung Kosmo. Aber genau das passiert gerade. Keine Angriffsfläche zu bieten reicht schon, um die Phantasien zu wecken, endlich begrabene Macht Vorstellungen aus den Gräbern zu holen und gewisse ältere Herren bereits jetzt zur Stimmabgabe bei der Wien Wahl zu animieren. Und wenn die Dame eine erhöhte Prozentzahl an Stimmen einfährt, will es kein Abkömmling der deutschnationalen Christlichkonservativen gewesen sein.
Nachbarskind in Not
“Die ÖVP-Politik finde ich momentan gefährlicher als die FPÖ, denn bei Migration geht es auch um wirtschaftspolitische Macht und neue oder geänderte Gesetze”, erklärt mir ein afghanischer Flüchtling, der schon lange in Österreich lebt, am Telefon. „Beim HC Strache denke ich mir immer, Hunde die bellen, beißen nicht.” Beim Besuch in der Schubhaft mit der Volksanwältin Terezija Stoisits* denke ich mir dann Ähnliches, als Chefinspektor Albert Grasel vom Innenministerium verkündet, dass für das Polizeianhaltezentrum in Vordernberg die Kinderabschiebungen geplant sind, wovon die SPÖ-Gemeinde Vordernberg eventuell noch gar nichts weiß.
Der Beamte im O-Ton: „In Vordernberg soll die Vorbereitung sein, um Familien mit Kindern abzuschieben. Früher war es eine einfache Sache, der Vater kam in Schubhaft, die Familie ins gelindere Mittel. Inzwischen ist es so, dass am Flughafen Eltern sagen, das ist das Nachbarskind, das ist nicht mein Kind. Deswegen holen wir nun alle zusammen in der Nacht und fangen die nicht einzeln ein.” Und auf Nachfrage wegen dem vom Innenminsterium kolportierten Untertauchen der Flüchtlinge: „Es tauchen nur ganz wenige Menschen unter, die werden ja wieder festgenommen, das hat keinen Sinn.” Grasel hält – inmitten von hungerstreikenden Schubhäftlingen aus Pakistan und verhafteten Zeitungskolporteuren von Massenblättern – „das Nachbarskind” für eine allgemein übliche Taktik, um eine Abschiebung zu verhindern.
Am Abend erzählt mir eine in Wien lebende slowenische Dramaturgin, dass einem 60jährigen Bekannten vor kurzem in der Straßenbahn die Nase gebrochen wurde. Er hatte protestiert, als sich zwei Ehepaare über „den Adi”, der „wieder her gehöre” unterhielten. Die zwei Männer, die ihn krankenhausreif schlugen, waren deutlich älter als er. Er war zu überrascht, um sich gegen die alten Herren zu wehren. (Kerstin Kellermann, derStandard.at, 23.04.2010)
auch unter: http://derstandard.at/1271375060440/Fremde-Feder-Rosenkranz-darf-man-nicht-unterschaetzen
- Asylwerber-Suizidversuche: Alles Täuschung?
Ein Artikel von CLARA AKINYOSOYE UND KERSTIN KELLERMANN (Die Presse)
Selbstverletzungen kommen im Flüchtlingslager Traiskirchen regelmäßig vor. Ein Ausdruck tiefer Depression, sagen Psychologen. Ein billiger Erpressungsversuch, sagt der Lagerleiter.
Eine Bombe fiel auf unser Haus, und meine gesamte Familie wurde getötet“, erzählt der 17-jährige T., der wie ein afghanischer Elvis Presley ausschaut. Ob es sich um eine Bombe der Taliban oder der Amerikaner handelte, weiß er nicht. Mit 16Jahren schlug er sich ganz allein bis vor das Tor der „Betreuungsstelle Ost“ in Traiskirchen durch. Untergebracht wurde er im Haus 9, der Unterkunft für 14- bis 18-jährige unbegleitete Flüchtlinge. Zurzeit leben dort 78 Menschen.
Ein Ort, an dem T. mit einigen dunklen Seiten des Lebens junger Asylwerber konfrontiert wurde: „In meinen zwei Monaten im Flüchtlingslager Traiskirchen erlebte ich insgesamt drei Selbstmordversuche.“ Er sah, dass sich „ein schwarzer Mann aufhängte“. Er erfuhr, dass sich ein afghanischer Bekannter mit Tabletten zu vergiften versuchte. Einmal stürzte sich ein afghanischer Mann aus dem dritten Stock, überlebte aber schwer verletzt. Mit den Jugendlichen, die den Sprung beobachtet hatten, sprach man darüber nicht, erzählt T. Immerhin, es gibt eine Betreuungsstelle für „verhaltensauffällige Personen“, in der Asylwerber „professionelle Ansprechpersonen“ vorfinden, sagt Franz Schabhüttl, Leiter des Erstaufnahmezentrums Traiskirchen.
„Ein bissl aufgeschnitten…“
Doch viele psychische Notfälle, meint Schabhüttl, seien ohnehin nicht echt: „Das war eine Zeitlang eine Modeerscheinung, dass sich einige mit dem Bic-Rasierer ein bissl aufgeschnitten haben, aber ja nicht zu tief.“ Seit 19 Jahren leitet der ehemalige Gendarm das Lager, derartige Selbstverletzungen bezeichnet er als „Erpressungsversuche“. Bis jetzt sei jedenfalls noch keiner dieser Selbstmordversuche tödlich ausgegangen, sagt Schabhüttl – er deutet das als Indiz für seine Erpressungstheorie: „Ist alles vorgetäuscht.“
Flüchtlingsbetreuer Ahmad, der selbst in einem Flüchtlingslager in Syrien aufgewachsen ist, kann das nicht verstehen: „Die Verantwortlichen nehmen das erst ernst, wenn der Flüchtling tot ist.“ Er erzählt, dass es sogar in der behüteten Wohngemeinschaft zu Selbstverletzungen gekommen ist – für ihn ein Beweis, dass es nicht um Erpressung geht. Es sei gefährlich, Selbstmordversuche als Erpressung abzutun, warnt auch der Psychiater Houchang Allahyari. Viele seiner afghanischen Patienten hätten Suizidversuche unternommen. Wer dies kleinrede, „hat keine Ahnung von den medizinischen Indikationen und den Depressionen, die einer Traumatisierung folgen.“ Auf das Tabuthema Selbstmordversuch im heillos überfüllten Lager weist seit Jahren auch Fritz Knotzer hin: Als Rettungsfahrer musste der heutige Bürgermeister von Traiskirchen früher genau aus diesem Grund mehrmals die Woche ausrücken. Er tritt deshalb für kleinere Aufnahmezentren in jedem Bundesland ein.
Klaus Neumann, Leiter des Haus 9 für Jugendliche, erwähnt, er beginne seinen Tag mit einem Blick ins Dienstbuch, um unter anderem nachzusehen, ob nachts die Rettung da war. Ein Verhalten, das nicht ganz mit den Eindrücken des Lagerleiters Schabhüttl zusammenpasst – spricht der doch davon, dass es hier durchwegs friedlich zugehe.
Trauma oder nicht Trauma?
In Lager Traiskirchen arbeiten in etwa 400 Bedienstete, darunter rund 80 Polizisten, 30 Rechtsberater und sieben Psychologen. Aufgabe der psychologischen Betreuer ist es unter anderem, bei Dublin-Fällen Gespräche zur Abklärung von Traumata zu führen. (Von Dublin-Fällen spricht man dann, wenn die Registrierung des Asylwerbers bereits in einem anderen EU-Land erfolgte, das dann auch für sein Asylverfahren zuständig ist.) Allerdings: Ob die Psychologen tatsächlich ein Trauma diagnostizieren oder nicht, hat keinerlei Einfluss auf die bevorstehende Abschiebung. „Wir hatten noch niemanden, der kein Trauma hatte, auch wenn sie nicht wussten, was ein Trauma überhaupt ist“, sagt Schabhüttl mit einem spöttischen Unterton.
Genau diese Art von Misstrauen ist es, über das Asylwerber häufig klagen: „Sie glauben, dass jeder lügt“, meint ein junger Exbewohner von Traiskirchen. Nach seiner ersten Einvernahme bekam der Nigerianer fast zwei Wochen kaum einen Bissen hinunter: „Du erzählst einem Unbekannten dein Leben, und dann sagt man dir sofort ins Gesicht, dass man dir nicht glaubt.“ Natürlich, er ist dankbar für das, was in Traiskirchen für ihn getan wurde. Man hat ihm Unterkunft und Nahrung geschenkt. Nur Vertrauen, das hat man ihm nicht entgegengebracht – und dieses Misstrauen, das merkt man dem 16-Jährigen an, ist für ihn besonders bitter.
„Es ist nicht meine Aufgabe, zu prüfen, ob einer die Wahrheit sagt“, sagt Jugendhausleiter Neumann. Man müsse sich damit abfinden, dass sich durch die Gesetzeslage in der Betreuungsstelle ein ständiges „Kommen und Gehen“ ergibt. Neumann unternimmt jedenfalls regelmäßig Ausflüge mit den Jugendlichen – wenn man sonst nicht mehr für sie tun könne, dann „haben sie zumindest ihren Horizont erweitert, ein bisschen Deutsch oder Englisch gelernt und erkannt, wie die Realität in Österreich ist.“
Auch nachzulesen unter:
- fs soho
Unsere nächste Sendung fs soho wird Dienstag, 02. Februar um 20.00 Uhr ausgestrahlt. Dauer: 57 Min.
Clemens Haipl Live in Winblendon Stadion
(Live in dem ehemaligen “La Taverna”
Eine Lesung von Clemens Haip über sein Buch: Ich scheiß mich an
bei SOHO 2009
Urlaubszimmer im Gemeindebau
Eine Aktion von der Künstlerin Killi Schmid
Ein Film von Arno Rabl
Ohne Titel
Ein Film von Ruth Hopfgartner, Doris Schmid, Anna Spitzbart (Ethnocineca)über die Brunnenpassage
Ein Film der Gebietbetreung im 10. Bezirk.
10. Jubiläum der Gemeinschaftshof Reisinergasse.
weitere Sendetermine:
- Mittwoch, 03.02., 18.00 Uhr
- Donnerstag, 04.02, 16.00 Uhr
- Freitag, 05.02, 14.00 Uhr
- Samstag, 06.02, 12.00 Uhr
- Sonntag, 07.02, 10.00 Uhr
- Montag, 08.02, 12.00 Uhr
- Dienstag, 09.02, 10.00 Uhr
- Landstreicher, Vagabunde und andere „Herrenlose“
von Kerstin Kellermann
Die Stadt Wien will obdachlose EU-BürgerInnen zur Rückkehr bewegen – dieser Umgang mit “Landstreichern” hat eine lange Tradition
Die Stadt Wien will obdachlose EU-BürgerInnen zur Rückkehr in ihre Herkunftsländer bewegen (derStandard.at berichtete). Doch ein Blick in die Geschichte zeigt: Solche Phantasien haben ihren Ursprung in den Gesetzen der Kolonisation. Von Kerstin Kellermann
Vagabunden, Wegelagerer und Gauner wurden in Irland mit dem Bettlergesetz von 1597 als neue Amtspraxis in die Kolonien deportiert. Die damalige Land-Enteignung der irischen Bauern brachte eine enorme Zahl von Landstreichern und zwangsweise untätigen Personen hervor. Ähnlich ergeht es heute den Menschen in großen Teilen Süd- und Osteuropas seit der Wende – in Bezug auf Besitzlosigkeit und die Tendenz zur Migration. Nicht nur, dass in Kroatien nach dem Bankrott lokaler Banken die Hypobank ihre Filialen eröffnen und profitieren konnte, so wurde auch in anderen Bereichen und Ländern die örtliche Wirtschaft niedergerungen und es folgten schnell neue Geschäfte – vor allem die üblichen Ketten mit ausländischen Besitzern.
Die Zeit des Übergangs, die berüchtigte „Transition” vom Sozialismus oder Kommunismus in den Kapitalismus brachte nicht nur hungerstreikende Arbeiter wie derzeit in Serbien hervor, sondern auch ganze Bettlergruppen: Menschen, die in ihren Herkunftsländern keine Arbeitsmöglichkeiten mehr vorfinden und daher zwangsweise zu „Landstreichern” werden. „Nutzlose” Menschen aus Dörfern, denen die Existenz entzogen wurde und die heute in Wien mit siebzig Euro Verwaltungsstrafe für „aggressives Betteln” belegt werden. Ihr erbetteltes Geld wird ihnen von der Polizei abgenommen und sie selbst gerne mit Hilfe von Aufenthaltsverboten aus Österreich entfernt.
Diese Variante der „Menschen als Körper”-Ideologie hat lange Tradition, die je nach Bedarf unterschiedliche Gruppen treffen kann. Schon Francis Bacon führte sieben Beispiele für „Menschenmassen” an, die es verdienten, körperlich vernichtet zu werden: Westinder, Kanaaiter, Piraten, Landstreicher, Meuchelmörder, Amazonen und Wiedertäufer. Holzhauer und Wasserträgerinnen galten als „herrenlose Männer und Frauen”, die eingesammelt, verwertet und zum Teil in einer Kombination aus Schmerz und Arbeit vernichtet werden durften.
Strang für Aufenthalt
Man sollte heute Gesetze gegen Bettler und Bettlerinnen nicht verharmlosen: Historisch ging der Erlass von Gesetzen gegen Landstreicherei mit Slavenhandel einher. Die Verbannungsgesetzgebung richtete sich gegen Iren, „Zigeuner” und Afrikaner. Maria I. von England erließ ein Gesetz, demzufolge jeder „Zigeuner”, der sich länger als einen Monat auf englischem Boden aufhielt, gehängt werden konnte. Elisabeth I. hielt 1601 die deutschen Slavenhändler dazu an, „schwarze Mohren” des Landes zu verweisen. Die herrschende Klasse entwickelte die politische Strategie, die Enteigneten zu abgelegenen Arbeitsmärkten zu befördern – was heute stark an die afrikanischen Flüchtlinge erinnert, die unter den Nylondächern der Plantagen Südspaniens Gemüse und Obst anbauen und ernten.
Diverse Sklavenhaltungssysteme nutzten diese Strategie und bauten sie aus. Denn die Verflechtungen zwischen Wirtschaft und Politik waren damals noch ausgefinkelter: So traf die Handelsgesellschaft „Virginia Company” ein Abkommen mit der Stadt London, das die Deportation mehrerer Hundert armer Kinder zwischen acht und 16 Jahren aus Bridewell nach Virginia vorsah. Trotz heftigen Widerstandes, der Schlimmeres verhinderte, starben im Endeffekt 153 von 165 deportierten Kindern in den Kolonien. Es ist sicher ein unzulässiger Vergleich, aber warum fiel der Stadt Wien im Zusammenhang mit dem Bettelverbot für Kinder als einzige Maßnahme die kindergerechte Ausstattung von Gefängniszellen ein?
Natürlich kann man die extreme koloniale Ausrottungspolitik von allen, die nicht ins Machtgefüge paßten, kaum mit der heutigen Politik vergleichen – doch eine gewisse Verantwortung an dem Elend derer, die durch Land- oder Wohnhausenteignungen oder durch die Schließung ihrer Fabriken ihre Überlebensmöglichkeit vor Ort verloren, ist den Profiteuren der Wende nicht abzusprechen. Ein Phänomen mitzuproduzieren, um es im Anschluss zu bekämpfen und die eigene Bevölkerung vor den eingewanderten Bettlern zu beschützen, ist eine erfolgreiche politische Strategie – mit kolonialer Tradition. (red, derStandard.at, 7.1.2010)
Zur Person: Kerstin Kellermann ist Redakteurin der „art in migration”/SOHO in Ottakring und ständige Journalistin des AUGUSTIN











