Soho in Ottakring 2009 – "Arbeiten oder nicht arbeiten"

Ein Spaziergang durch SOHO mit Andrea Klement und den glorreichen 8.

Es ist wieder einmal so weit. Pünktlich im Mai öffnet Soho in Ottakring wieder seine Türen, Tore und Fenster. Arbeit weckt viele Assoziationen. In Soho in Ottakring ergab die eine die andere, die nächste. Das Interesse an den Projekten, Objekten und Subjekten ist groß und die Massen schieben sich förmlich durch die Gassen. Darunter auch vier Pärchen, die normalerweise nur als Abstraktionen anzutreffen sind. Nicht jedoch in Soho. Hier besuchen acht Begriffe dreierlei Geschlechts als Menschen aus Fleisch und Blut die Soho-Orte und machen sich Gedanken. Warum sollten nicht auch Begriffe hin und wieder in die Gestalt von Menschen schlüpfen dürfen? Ob sie sich vertragen, wenn sie sich so ganz quicklebendig gegenüber sitzen, nebeneinander hergehen und miteinander reden, wird sich zeigen. Es sind Begriffe von Gewicht, die hier mit ihren PartnerInnen durch Ottakring spazieren: Die Erwerbsarbeit und die Freizeit (sind schon ewig zusammen), der Wert und die Bewertung (haben mehrere temporäre Trennungen hinter sich, finden aber immer wieder zueinander) der Lissabon-Prozess und der Aktivismus (das leidenschaftlich-hitzigste Paar der Runde) und – last but not least – das Leistungsprinzip und das Grundeinkommen (haben vor demnächst eine Familie zu gründen).
Die vier Paare treffen sich zufällig bei ihrer ersten Soho-Station – dem BRUNNENVIERTLER BRETTSPIEL – im Installateurgeschäft „Marvan Tam“. Das Spiel beginnt mit einer Vorstellungsrunde: Alle sollen sich vorstellen und außerdem erklären, was die Person können müsste, die sie im Falle einer einjährigen Abwesenheit zwecks Weltreise ersetzen würde. „Ich bin die Bewertung“, ergreift die B. selbstbewusst das Wort. „Wer mich ersetzen will, muss vor allem einen klaren Kopf haben und sollte die Relationen nicht aus den Augen verlieren.“ „Ich bin der Wert“, sagt der W. „Wer mich ersetzen will, der sollte sich auf keinen Fall ein X für ein U vormachen lassen.“ „Ich heiße Lissabon-Prozess“, sagt der L.P. „Wer mich ersetzen will, muss auf jeden Fall etwas von Wachstum und Innovation verstehen.“ „Ich würde bei meinem Ersatz besonderen Wert auf eine gewisse hands-on Mentalität legen“, schließt der Aktivismus mit spöttischem Lächeln an. „Ich bin die Freizeit“, sagt die F. leicht genervt. „Wer mich ersetzen will, muss überhaupt nichts können, aber ich bin trotzdem unersetzbar.“ „Das bist du tatsächlich“, sagt die Erwerbsarbeit zärtlich. „Wer mich ersetzen will, sollte gut mit Stress und steigenden Ansprüchen umgehen können.“ „Das kommt mir bekannt vor“, stöhnte das Leistungsprinzip“. „Mein Ersatz darf sich niemals auf seinen Lorbeeren ausruhen!“ „Ich heiße Grundeinkommen“, meldet sich zum Schluss das G. „Wer mich ersetzen will, muss auf jeden Fall hartnäckig sein.“
Damit kann das Spiel losgehen. Alle bekommen eine Spielfigur und ein Häufchen Bohnen – das Zeitbudget für diesen Abend – zur Verfügung gestellt und würfeln sich reihum durchs selbstgemachte Spielfeld. Bunte Kärtchen ringen der Spielgemeinschaft Entscheidungsfragen über ihr Leben ab. Was ist dir 1 Stunde wert, wofür gibst du 3? Wie viel Zeit kannst du von den anderen verlangen? Die Zeitbohnen ersetzen das SpielGELD, weil Zeit einfach mehr als Geld ist, wurde erklärt. Die Bewertung nickte zustimmend. Dennoch beZAHLTen fast alle und gaben sich sogar dabei heraus. „Hast du 2 Stunden?“ „Ich habe nur einen Zehner.“ „Gibs mir bei der nächsten Runde.“ Die Schwierigkeit aus dem Konzept des Geldes und des Zahlens auszubrechen eint die Runde. Zeit-Spielen braucht eben Übung. Und Zeit. Irgendwann hatte der Aktivismus kein Sitzfleisch mehr und der Lissabon-Prozess wollte sich einen Überblick über die anderen Soho-Orte verschaffen. Damit löste sich die Runde auf und die vier Pärchen trennten sich.
Der Wert und die Bewertung spazieren zunächst in Richtung Wettlinger davon und kaufen in der 2B TO WORK OR NOT TO WORK-Ecke im ersten Stock eines der von AsylwerberInnen gestalteten Plakate. Ohne Erwerbsarbeit keine Existenz. Die Botschaft ist auch ohne große Texte leicht zu verstehen. DAS ANARCHISTISCHE KABINETT leiht den Plakaten seine Worte: „Was tun, wenn man nicht arbeiten darf? Ich bin für Anregungen offen, wie ein Leben ohne Arbeit und ohne sozialen Abstieg möglich ist.“ Auch im Projekt LEBT IN… ARBEITET? kommen von der Erwerbsarbeit Ausgeschlossene zu Wort. Sie bewegen sich in Regionalzügen unter den Eingeschlossenen, die täglich ihre Arbeitswege zurücklegen. Nicht alle sind unfreiwillig ausgeschlossen, manche sind in völligem Einvernehmen und mit allen Ehren ausgestiegen und genießen ihren Ruhestand, andere müssen zwar nicht, würden aber gerne irgendwo arbeiten, sehen jedoch wenig Chancen sich ein Plätzchen zu schaffen. Rote Linien auf Landkarten zeichnen die Wege der befragten Personen nach. W. und B. wenden sich dem Video UNGEKLÄRTE VERHÄLTNISSE zu. Da ringt jemand um ein Stück gelungene Kommunikation. Was für die einen Arbeit ist, ist für die anderen „Blödsinn“. Künstlerische Arbeit ist nicht immer leicht verständlich und was nicht verständlich ist verunsichert, verwirrt oder provoziert Abwehr. „Verstehst du, warum sich die Kraus als Jonny verkleidet hat?“, fragt der Wert? „Vielleicht wollten manche mit der Kraus nicht reden?“, spekuliert die Bewertung, „Manche hatten ja regelrecht Angst.“
Während B. noch spekuliert hat sich W. schon einer anderen Ecke zugewandt: „Schau mal da: 0 RESULTS FOR FUCKING WORK. Gibt’s heutzutage überhaupt noch 0 Resultate für irgendetwas? Google spuckt doch immer was aus!“„Aber die Qualität der Einträge ist sehr unterschiedlich“, merkt die Bewertung sofort an. Die Monotonie der Arbeit hängt schön aufpoliert an der Wand. Auf dem Tisch finden die beiden einen zusammengehefteten Stapel von Dr.Best-zähnefletschenden, strahlenden Wir-sind-ein-Team-Gruselgesichtern. „Endlich!“, ruft der Wert, „Eine Rebellion gegen die Hochglanzbilderlandschaft der Arbeit. Arbeiten ist schließlich nicht immer nur lustig, inspirierend, aufregend oder spannend, sondern auch einmal einfach nur monoton und ohne Ergebnis.“ „Du hast die Anerkennung vergessen,“ ergänzt die Bewertung, „Nicht jeder Arbeit wird dieselbe Anerkennung zuteil.“ W. nickt: Außerdem kann sich der Mensch heutzutage nur noch zwischen den beiden Extremen entscheiden seinen Job zu lieben oder eine Pfeife zu sein.“ „Genau.“, stimmt die Bewertung zu, „Abstufungen werden nicht mehr geduldet. Entweder Hochglanz oder ganz weg von der Bildfläche.“
Damit verlassen die beiden das Gebäude und begeben sich zum SPONTANEN KOLLEKTIV in den Bananenhallen, weil die B. findet, dass feministische Kunst sowieso immer zu kurz kommt. Sie geraten in eine performative Installation. Dort werden die Teller der weiblichen Arbeitswelt zerschlagen. Ein arbeitsloser Künstler hat das Privileg immer ein arbeitsloser Künstler zu sein, aber eine arbeitslose Künstlerin steckt schneller in der Hausfrauenrolle als sie schauen kann. Das weiß jede und jeder zumindest insgeheim oder spürt es irgendwo im großen Zeh. Die Künstlerin wird vom Künstlerdasein ferngehalten oder hält sich selbst fern. Anschuldigungen machen wenig Sinn, niemand ist unbeteiligt und Tausende von Jahren Patriarchat sind kein Pappenstiel. Zum Glück fördert der Staat alle KünstlerInnen mit großem „I“. Nicht ganz ausgewogen zwar, wenn frau dem Frauenkulturbericht glauben darf, aber immerhin. Mit den Tellern fliegen die Eigenschaften der feministischen Künstlerinnen durch den Raum: Multitaskingfähig, hochqualifiziert, vorausschauend, belastbar jenseits aller Grenzen, verantwortungsbewusst, erfinderisch, unkonventionell, gut informiert und mobil. Wenn da bloß nicht dieses Gefühl im großen Zeh wäre. B. und W. denken beide gleichzeitig an den KünstlerInnencode im Wettlinger. Ein Check der feministischen Künstlerin am Mischpult des KÜNSTLERINNENKODES müsste interessant sein. Vielleicht ist der Night-Rider-Effekt der Schlüssel zum FördertigerInnentum?
Am Yppenplatz vorbeigelaufen zieht W. die B. noch in einen Ausstellungsraum: TRAGEN UND STILLEN. Acryl auf Leinwand sieht man ja heutzutage kaum noch. „Von wegen Anerkennung…“, meint B., „Reproduktionsarbeit ist ein klassischer Fall von mangelnder Anerkennung.“ „Und wehe der, die diese Arbeit nicht trotzdem liebt! Das ist dann in den Augen der Gesellschaft noch viel schlimmer als eine Pfeife zu sein.“
Das Leistungsprinzip und das Grundeinkommen zog es nach dem Brettspiel erst einmal die Neulerchenfelderstraße aufwärts zu den TAUSCHGESCHÄFTEN, wo ganze Arbeitswelten aufeinander trafen, die sonst eher selten miteinander in Berührung kommen und vermutlich nicht viel voneinander wissen: Büro, Kunst und Werkbank treten in einen Dialog, werden gefilmt, fotografiert, verändert, befragt. „Welche der drei Arbeitswelten haben wohl am wenigsten und welche am meisten gemeinsam?“, fragt sich das Grundeinkommen laut. „Schwer zu sagen’“, denkt das Leistungsprinzip mit, „die Kunstschaffenden arbeiten oft sowohl an der Werkbank als auch am Schreibtisch, aber ich bin nicht sicher, ob das vergleichbar ist.“ „Finanziell eher nicht“, ist sich das Grundeinkommen sicher. „Man sollte eben wissen, was man will“ steigt das Leistungsprinzip sofort ein, „man kann nicht einfach seinen eigenen Kosmos erfinden und dann erwarten, dass man von einem anderen Kosmos finanziert wird.“ G. gibt sich uneinsichtig: „Wieso nicht? Die Banken können das doch auch!“ „Das ist eine verkürzte Darstellung!“, schnaubt L. und verlässt energisch den Schauraum. „Alles eine Frage der Macht!“, ruft ihm G. hinterher. Der Weg zur nächsten Location verläuft schweigend. Im Wettlinger wird zur Beruhigung erst einmal eine JAHRESSUPPE gegessen. Sowohl L. als auch G. sind begeistert: „Eine Suppe, die Welten verbindet!“, „Auch Arbeitswelten.“ „Und diese erstklassige Organisation!“
L. hüpft gestärkt einen Stock tiefer, wo eine Unmenge von Legofiguren auf einem Tisch versammelt sind. SERIOUS PLAY widmet sich einer Analyse des Kunstbetriebs. „Das ist ja wie in einer AMS-Maßnahme!“, stöhnt das Grundeinkommen. „Oder wie in einem Führungskräfte-Workshop, wenn’s im Team kracht!“ ächzt das Leistungsprinzip. Vielleicht ist das ja ironisch gemeint“, flüstert das Grundeinkommen, „andererseits, wieso sollten sich Kunstschaffende nicht auch einen hippen Workshop gönnen?“ G. zieht L. weiter zur PROLETARISCHEN ICH-AG, wo endlich einmal nicht das Plakat, sondern die Person im Vordergrund steht, die das Plakat an die Wand bringt. Von PlakatiererInnen erfährt man abseits spezieller Recherchen wirklich nicht viel. Während L. die Regenschirme und Plakatwürste betrachtet, hat G. den an der Wand angebrachten Text studiert: „Hier geht’s nicht einfach um PlakatiererInnen!“, informiert es L., „sondern um die WildplakatiererInnen im Gegensatz zu den quasi kommerziellen PlakatiererInnen.“ Plakatwürste und Schirme verteidigen den öffentlichen Raum gegen die neoliberale Ordnungswut. „Und was soll das mit den Bikinis da?“, fragt L. „Na, wenn der gesamte Plakatraum zum Gewista-Alptraum wird, dann bleibt anscheinend nur noch der Mensch als Auflagefläche.“, folgert G.
L. wandert weiter zu den ARBEITERINNEN IN DER FIRMA SCHRACK/METALLBEARBEITUNG. Momentaufnahmen von „richtiger Arbeit“, im Sinne von mechanisch-manueller, organisierter und weisungsgebundener Arbeit hängen in Form von Zeichnungen an der Wand, während gegenüber ein gewisser Jonny herauszufinden versucht, was denn die Kraus in den Augen ihrer Familie eigentlich arbeitet. Arbeit kann so einfach sein aber auch so kompliziert. Geht es nur darum zu erreichen, dass möglichst viele Menschen die eigene Tätigkeit als „Arbeit“ anerkennen? Dieser Gedanke begleitet L. auf dem Weg zur Doku-Präsentation der ETHNOCINECA 09. In den Filmen kommen die unterschiedlichsten Leute zu Wort. Arbeit wird mit den Menschen verbunden, die sie tun. Sie wird bis ins kleinste Detail beschrieben und abgebildet, philosophisch zerlegt und wieder zusammengesetzt. Im Rampenlicht steht bei fast allen Dokus das Individuum im Spannungsfeld zwischen Leistung, Identität und Existenzsicherung. „Noch einmal Tauschgeschäfte.“, denkt G. “Dieses Mal auf der Leinwand. Nur dieses Mal wissen die Leute nichts voneinander. Die einen sagen etwas und die anderen antworten ohne die Frage zu kennen.“ „Keine Arbeit ohne Geld“, bringt es eine Person auf den Punkt. Viele andere stimmen unausgeprochen zu. „Lohnarbeit für alle ist aber unrealistisch.“, kommt von anderer Seite, was das Leistungsprinzip ein wenig stresst. „Es ist aber auch nicht notwendig, dass alle immer arbeiten.“, heißt es in einem anderen Film. Während die ProtagonistInnen aus den anderen Dokus nachdenklich bis verwirrt schweigen, nickt das Grundeinkommen bekräftigend.
Die Freizeit und die Erwerbsarbeit schnappten sich nach dem BRUNNENVIERTLER BRETTSPIEL noch jede eine Wurstsemmel und geraten anschließend sofort in ihre eigene Kulturgeschichte: MÜSSEN ODER MUSSE. Der Raum selbst ist einer, in dem es sich lange aushalten lässt. Das Gegensatzpaar Arbeit-Freizeit ist räumlich so verbunden, dass stets beides im Blickfeld bleibt. In einer Arbeitsecke zwischen Börsenkursen und Stellenanzeigen spiegelt sich die im Rücken der Arbeitenden liegende Freizeitecke mit Palmen, Strand und Hängematte. Aber auch in der Freizeitecke befindliche Personen haben den Schreibtisch mit Computer stets im Auge. Über Zwang, Freiheit und Hierarchie legt sich fröhlich südländische Musik. Die Arbeitsecke ist mit drei Uhren ausgestattet. Zeit ist auch hier mindestens so viel wie Geld. Aber sie entzieht sich dem kapitalistischen Entknappungswunder. Jede Person hat nur eine bestimmte Menge an Zeit zur Verfügung. Es gibt keine Zinsen und keinen Kredit. „Wow, so lange gibt’s uns schon!“ staunt die Freizeit. „Manche Beziehungen halten eben doch für immer.“, frohlockt die Erwerbsarbeit. Sie spazieren händchenhaltend weiter zum „Zwischenort“, wo DIE DEUTSCHEN angeKOMMEN sind. F. und E. lassen sich vor den Bildschirmen nieder. Nach einer Weile legt E. die Kopfhörer wieder weg. Ihre Konkurrentin, die Dienstleistung ist ihr ein bisschen zu sehr präsent. Die Freizeit merkt das sofort und versucht sie aufzuheitern: „Mach dir nichts daraus“, sagt sie, in manchen Kontexten bedeutet arbeiten eben dienen im Gegensatz zu bedient werden.“ „Und Geld nehmen steht im Gegensatz zu Geld geben.“, ergänzt die Erwerbsarbeit. „Wobei zwei Wochen des einen für nicht ganz eine Woche des anderen reichen. Bedeutet das, dass etwa doppelt so viele Leute bedient werden und Geld geben wollen als solche, die bedienen und Geld nehmen wollen?“ sinniert E. weiter. „Die, die Geld geben und sich bedienen lassen, sind im Video auf jeden Fall besser dran.“, konstatiert F., „Aber dafür müssen sie vorher doppelt so lange bedienen und Geld nehmen.“, schließt E., „die Hierarchien sind eindeutig“. Auf dem Weg zum nächsten Soho-Ort kommen die beiden an einem Graffiti vorbei: „Die besten Skalven sind jene, die sich selber welche halten dürfen.“ Das finden beide irgendwie sehr passend.
Im Blumberg vorbei wird gerade der Film EIN DORF TUT NICHTS gezeigt. Der Film kommt gut an. Demonstratives Nichtstun ist im Mühlviertel durchaus mutig. Geblockte Arbeitsunterbrechungen in Form von Urlaub oder gar Streik sind im landwirtschaftlichen Milieu nicht ganz so selbstverständlich wie im geregelten städtischen Alltag des sogenannten ersten Arbeitsmarktes. Die Nachdenklichkeit der ProtagonistInnen darüber, warum manche zu viel und andere zu wenig Arbeit haben, und wie eine Tätigkeit zu Arbeit wird oder doch einfach nur eine Tätigkeit bleibt, wird vom Publikum in der anschließenden Diskussion lebhaft aufgegriffen. Die Erwerbsarbeit und die Freizeit kriegen rote Backen vor Aufregung. Jede einzelne Frage könnte allein drei Wochen Soho füllen: Wie wäre es hinzukriegen, dass die Erwerbsarbeit fair verteilt wird? Warum nicht endlich ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle? Wer soll das bezahlen? Und schließlich die unvermeidliche, aus keiner Diskussion mehr wegzudenkende Frage: „Was ist mit China???“ (Es könnte zur Abwechslung ja auch einmal Indien sein, aber aus irgendeinem Grund ist es immer China.)
E. und F. machen sich auf zur UNERTRÄGLICHEN LEICHTIGKEIT DER ARBEIT. Vor allem E. hüpft zufrieden voran, weil sie schon (richtig) ahnt, dass es dabei sehr viel um Erwerbsarbeit gehen wird, was ihr natürlich schmeichelt. Auch die Freizeit ist zufrieden als sie sich auf den vielen Kinderzeichnungen und in von der Decke schwebenden Drahtskulpturen wiederfindet. „Die haben sich wirklich viele Gedanken über uns gemacht!“, ruft sie entzückt. E. ist ein bisschen enttäuscht, dass sie einfach mit der Arbeit im Allgemeinen in einen Topf geworfen wird. Sie fühlt sich durch die Besen und Kochtöpfe nicht so gut repräsentiert, obwohl es natürlich zweifellos auch Erwerbsbesen- und ErwerbskochtopfbenutzerInnen gibt. Aber sie gibt zu, dass hier viel Arbeit drinsteckt: „Schau, die haben sich sogar mit unserer Zukunft auseinandergesetzt.“, sagt sie und hält F. ein Heft hin, in dem ein Kind seine Begriffe erarbeitet hat.
Ihre letzte Station ist LISI HÄMMERLE in der Grundsteingasse. Die ist zwar nicht da aber ihr Arbeitsplatz ist auch spannend.. Jede Menge Geld hängt an der Wand: Restgeld, schnelles Geld, Staatsgarantie, Liquidität und eine eiserne Reserve und Schuhe, viele viele Schuhe. Die Freizeit setzt sich auf den Platz von Lisi und freut sich diebisch, weil jetzt die Leute, die vorbeigehen vielleicht glauben, sie sei Lisi. Auf dem Weg nach draußen treffen die beiden den Lissabon-Prozess und den Aktivismus, die sich den GUT LEBEN OHNE NIX Shop anschauen. „Arbeiten um KEIN Geld zu brauchen – das ist mal etwas anderes“, gibt sich der immer auf der Suche nach Innovationen befindliche Lissabon-Prozess beeindruckt. „Selbstversorgung erweitert um den Aspekt der Müllvermeidung. Aber mit Wirtschaftswachstum geht das nicht zusammen. Oder doch?“ Auch der Aktivismus findet das Ganze irgendwie revolutionär und kauft ein paar Heiz-Kuhfladen. Danach spazieren sie weiter zu einer Präsentation der Kampagne UNVERMITTELT, die dem Arbeitsbegriff ordentlich auf den Pelz gerückt ist. Ist es wirklich notwendig, dass die einen völlig überarbeitet sind und trotzdem nicht genug Geld zum Leben haben und andere keine Arbeit haben und auch nicht genug zum Leben und wieder andere viel zu viel arbeiten und auch viel mehr haben als sie verleben können und wieder andere gar nicht arbeiten und trotzdem viel mehr haben als sie brauchen können? Wie lässt sich der Arbeitsbegriff erobern ohne die ewiggleichen Hierarchien und die damit verbundenen Ein- und Ausschlüsse immer wieder fortzuschreiben, jede gegen jeden ins Feld zu schicken und umgekehrt? „Es braucht tatsächlich mehr Vernetzung zwischen den Interessensgruppen“, sagt der Aktivismus. „Der Mainstream gewinnt, weil er tadellos kommunizieren kann. Wer gegen den Strom schwimmt, darf sich nicht aus den Augen verlieren.“ A. hätte gerne noch weiter diskutiert, aber L.-P. will zu Wettlinger, die alte Gutenbergpresse anschauen und DRUCKVOLLE ANKÜNDIGUNGEN lesen.
Hier geht es relativ nüchtern zu. Jobs werden erledigt und die Druckwalzen der Gutenbergpresse stehen nie lange still. Amos hat viele Aufträge, die erledigt werden müssen. Die Geschichte des Kampfes gegen ethnisch-motivierte Diskriminierung in den USA hängt an der Wand. Touristenkarten einzelner US-Bundesstaaten müssen mit schmerzlichen Erinnerungen fertig werden, die ihnen aufgedruckt wurden. Die Bürgerrechtsbewegung ist zu Besuch in Ottakring und bringt hier wie da den Rassismus unter Druck. „Da könnte man auch auf Österreichkarten so mancherlei aufdrucken.“, findet L.-P. Amos, der Druckmeister, lebt von seinen Schildern, Untertags macht er Auftragsarbeiten und Nachts Plakate für sich selbst. „Noch einer, der arbeiten muss um arbeiten zu können.“, seufzt der Aktivismus.
Der Lissabon-Prozess ist inzwischen schon zu COPY ME weiter gewandert. „Noch mehr Textarbeit“, ruft er seinem A. zu. „Dem einzelnen Buchstaben wird dieselbe Aufmerksamkeit zuteil wie dem Gesamtwerk.“ „Dass Theorie und Aktivismus so sehr verschmelzen, kommt selten vor“, findet A. „Da fällt mir jetzt auf die Schnelle nur Majakowski ein.“ Auf dem Weg zu LAB 2:63_FREISCHAFFEND reden sie darüber, dass bei COPY ME eigentlich keine Gegensatzpaare vorkommen. Theorie und Handwerk gehen genauso fließend ineinander über wie Inhalt und Form, Text und Bild, Freizeit und Arbeit. In der Bananenhalle geraten sie unter orange Signaljacken, die unheimlich beschäftigt sind. Es wird an einer Sound und Videoinstallation gearbeitet. Nicht-Kunstschaffende können Kunstschaffenden bei der Arbeit zuschauen und ihre romantischen oder abschätzigen Vorstellungen zurechtrücken. L.-P. überfliegt eine Studie zur sozialen Lage der österreichischen KünstlerInnen und versucht gar nicht erst sich den durchschnittlichen Stundenlohn der Kunstschaffenden auszurechnen.
Auf dem Weg zum Ragnarhof kommen die beiden beim FRISEURSALON MARIJA vorbei, wo die Abstimmung über das zukünftige Design des Geschäfts noch läuft. Sie geben schnell ihre Stimme ab und kommen gerade noch rechtzeitig zu den Standing Ovations für die THEATERGRUPPE AUGUSTIN 11%, deren Stars 11%-ige Aktien in die jubelnde Menge werfen. Das Leistungsprinzip ist begeistert, die Erwerbsarbeit kichert immer noch, die Freizeit kramt nach ihrer Solidarbeitrag, der Aktivismus sammelt alle Aktien ein, das Grundeinkommen macht ein Foto, der Lissabon-Prozess beschließt demnächst einen „Augustin“ zu kaufen und die Bewertung und der Wert brüllen „Zugabe“. In Sachen Arbeit ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.
Die Namen aller Personen im Text sind frei erfunden. Eventuelle Ähnlichkeiten sind rein zufällig.

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