von Kerstin Kellermann
23. April 2010, 10:36
Die FPÖ fährt derzeit eine Doppelstrategie und bedient zwei Generationen gleichzeitig in ihren jeweiligen Feindbildern
Neulich in der Sportunion: Ähnlich wie in der Muppet Show die zwei alten Herren in der Loge unterhalten sich zwei ältere Damen im Sportdress im Turnsaal. „Den Fischer, den falschen Hund kannst ja nicht wählen”, sagt die eine, „der hat ja eine jüdische Frau”. „Aber die Rosenkranz kannst auch nicht wählen”, schüttelt die andere ihr graues Haupt. „Die hat ja zehn Kinder!” Und wer hat heutzutage schließlich noch „einen Stall, eine Brut” von bis zu zehn Kindern zu Hause? Na eben: Die Ausländer!
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HC Strache provoziert und bedient die Ausländerfeindlicheit der Österreicher, aber Frau Rosenkranz tut auch etwas Gefährliches: Sie steht mittlerweile für versteckten Antisemitismus in der Öffentlichkeit. Strache und Rosenkranz stehen für unterschiedliche Wählerschichten und Altersgruppen – es ist eine doppelte Taktik, die die FPÖ fährt. Sollte der Bundespräsident berufsbedingt eher eine erfahrene, würdige Person sein, so werden bei dieser Wahl „Würdenträger” und ihre Nachfahren angesprochen. Die Machteliten, die noch lange ihre Fühler nach politischer Macht ausstreckten, schienen langsam auszusterben. Nun wachen die klapprigen Gespenster wieder auf und Barbara Rosenkranz braucht nur ihren Mund zu halten, um als „gemäßigt” dazustehen. Eine jüdische Ehefrau und ein rechtsextremer Ehegatte ergeben in der österreichischen Bevölkerung eine angebliche Balance, bei der sich die ÖVP als „die Mitte, die vorne ist” positionieren und ihre angebliche Neutralität noch zelebrieren kann (siehe u.a. Presse-Chefredakteur Fleischhackers jugendlich-übermütigen Kommentar zum Weiß-Wählen).
„Rosenkranz darf man nicht unterschätzen”, titelte die Wiener Zeitung Kosmo. Aber genau das passiert gerade. Keine Angriffsfläche zu bieten reicht schon, um die Phantasien zu wecken, endlich begrabene Macht Vorstellungen aus den Gräbern zu holen und gewisse ältere Herren bereits jetzt zur Stimmabgabe bei der Wien Wahl zu animieren. Und wenn die Dame eine erhöhte Prozentzahl an Stimmen einfährt, will es kein Abkömmling der deutschnationalen Christlichkonservativen gewesen sein.
Nachbarskind in Not
“Die ÖVP-Politik finde ich momentan gefährlicher als die FPÖ, denn bei Migration geht es auch um wirtschaftspolitische Macht und neue oder geänderte Gesetze”, erklärt mir ein afghanischer Flüchtling, der schon lange in Österreich lebt, am Telefon. „Beim HC Strache denke ich mir immer, Hunde die bellen, beißen nicht.” Beim Besuch in der Schubhaft mit der Volksanwältin Terezija Stoisits* denke ich mir dann Ähnliches, als Chefinspektor Albert Grasel vom Innenministerium verkündet, dass für das Polizeianhaltezentrum in Vordernberg die Kinderabschiebungen geplant sind, wovon die SPÖ-Gemeinde Vordernberg eventuell noch gar nichts weiß.
Der Beamte im O-Ton: „In Vordernberg soll die Vorbereitung sein, um Familien mit Kindern abzuschieben. Früher war es eine einfache Sache, der Vater kam in Schubhaft, die Familie ins gelindere Mittel. Inzwischen ist es so, dass am Flughafen Eltern sagen, das ist das Nachbarskind, das ist nicht mein Kind. Deswegen holen wir nun alle zusammen in der Nacht und fangen die nicht einzeln ein.” Und auf Nachfrage wegen dem vom Innenminsterium kolportierten Untertauchen der Flüchtlinge: „Es tauchen nur ganz wenige Menschen unter, die werden ja wieder festgenommen, das hat keinen Sinn.” Grasel hält – inmitten von hungerstreikenden Schubhäftlingen aus Pakistan und verhafteten Zeitungskolporteuren von Massenblättern – „das Nachbarskind” für eine allgemein übliche Taktik, um eine Abschiebung zu verhindern.
Am Abend erzählt mir eine in Wien lebende slowenische Dramaturgin, dass einem 60jährigen Bekannten vor kurzem in der Straßenbahn die Nase gebrochen wurde. Er hatte protestiert, als sich zwei Ehepaare über „den Adi”, der „wieder her gehöre” unterhielten. Die zwei Männer, die ihn krankenhausreif schlugen, waren deutlich älter als er. Er war zu überrascht, um sich gegen die alten Herren zu wehren. (Kerstin Kellermann, derStandard.at, 23.04.2010)
auch unter: http://derstandard.at/1271375060440/Fremde-Feder-Rosenkranz-darf-man-nicht-unterschaetzen
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