„Freedom Fighter“ oder Terrorist?

08.06.2010 | 18:43 | GASTKOMMENTAR VON KERSTIN KELLERMANN (Die Presse)

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Militarisierung und Männlichkeit: Wie kann die Vermischung von Waffen, Erotik und Dominanz unterlaufen und unterbunden werden?

Es sind immer die Armen, die auf die Verführung und Berauschung durch Ideologien hereinfallen, auf die Propaganda von Nationalismus und von Männlichkeit oder von Ausprägungen von Religion – die, die nicht schreiben und lesen können, von der Hand in den Mund leben müssen und nicht wissen, aus welcher Quelle morgen ihre Ressourcen kommen. Weltweit verlassen Männer ihre Dörfer und ihre Familien, um sich militärischen Gruppen anzuschließen, in der Suche und mit Hoffnung auf ein besseres Leben. Sie glauben an „den“ Glauben. Das war bei den Mudjaheddin so und die Taliban-Kämpfer rekrutierten sich zu Beginn aus Waisenkindern, die in Männerbünden zu Killern gestählt wurden, sich ihren eigenen Mythos erschufen.

Wie werden Männer eigentlich immer wieder im Laufe der Geschichte mit Kopf und Körper zu Soldaten, wie militarisiert man Bauern? Wie funktioniert die propagierte Erotik der Dominanz, so dass einzelne „Untergebene“ wie im Bosnien-Krieg sogar sexuelle Gewalt als Kriegsstrategie anwenden können? Auf Befehl? Macht eine Uniform oder eine Waffe einen Mann zu einem ganzen Mann?

Süß und unschuldig?

Und vor allem die wichtige Frage: Wie diese Zusammenhänge von Militarisierung und Männlichkeit unterlaufen?

Die Künstlerin Jumana Manna, in Israel lebende Palästinenserin, versuchte in mehreren provokanten Aktionen und Selbstversuchen, die Mythen von Männlichkeit, Erotik und Gewalt auszutesten. Die junge hübsche Frau ging mit jungen arabischen Männern in deren Kinderzimmer in ihren Elternhäusern und fotografierte sie, auf dem Bett liegend unter ihren geblümten, bestickten Bettdecken mit weichen, entspannten Gesichtern, in weißen Unterleiberln und Shorts. Süß und unschuldig, aber in Posen, die „normalerweise“ von Frauen eingenommen werden. So ganz anders als die Klischees und Vorurteile in den Bildpolitiken der Medien, die oft eine entmenschlichte und furchterregende Männlichkeit dieser Jungs propagieren.

Für eine zweite Fotoserie „Arab Men“ fuhr Jumana Manna mit dem Auto ziellos allein als Frau durch die besetzten Gebiete. Sie hielt das Auto an, kurbelte das Fenster herunter, sprach einen Mann an und fotografierte den heranschlendernden Casanova in spe. Sie erwischte diesen nonchalanten aufmerksamen Blick des Begehrens in Richtung auf das Unbekannte, das Abenteuer. Und das ungläubige Erstaunen ob des Umdrehens der Situation in Bezug auf männliche und weibliche Rollen.

Eine Reihe von Schnappschüssen neugieriger Männlichkeit entsteht: Die eine Hand in der Türe auf dem versperrten Knopf, die andere lässig an der Windschutzscheibe – gefährlich und jung zugleich, sich ihrer Gefährlichkeit, Ausstrahlung und Macht bewusst, aber spielerisch. „Ich glaube nicht, dass sich diese Männer von anderen Männern in Macho- oder patriarchalen Kulturen unterscheiden“, sagt die Künstlerin selbst. „Arabische Männer wissen bereits sehr jung, was sie als Mann machen sollen, sie kennen ihre Rollen in der Gesellschaft. Sie sehen sich selbst als Kämpfer. Es ist eine starke Macho-Rolle, ein Stereotyp, aber zum Teil auch wahr. Es gibt viele Ähnlichkeiten mit israelischen Männern. Sie sind eigentlich noch Kinder. Sie sind sich nicht aller Aspekte bewusst, die sie als Soldaten und als Männer ausleben sollen. Die palästinensische Gesellschaft dreht sich durch die Okkupation im Kreis. An männlichen Rollen gibt es nur die Auswahl als ,Freedom Fighter‘ oder als ,Terrorist‘. Verteidiger oder Aggressor, das sind zwei Seiten der gleichen Medaille.“

Militarisierung schafft Unruhe in einer Gesellschaft, und Gesellschaften kämpfen über Generationen mit den Folgen – siehe Vietnam oder gerade Afghanistan und den Irak. Die jungen Menschen sind oft überfordert mit den Aufgaben, die Regierungen und Staaten ihnen stellen, eine ganze Generation kann vernichtet werden. Vernichten die alten Machthaber die heranwachsende Konkurrenz? Wie sollen denn junge Israelis mit dem Thema Töten und Getötet-Werden an der Grenze umgehen? Am 16.Februar 2008 wurde z.B. eine Frau aus Eritrea an der israelischen Grenze erschossen. Vor den Augen ihrer beiden acht- und zehnjährigen Töchter tötete ein ägyptischer Grenzsoldat die 37-jährige Mervat Mer Hatover bei dem Versuch, den Grenzzaun nach Israel zu überqueren. Die Töchter wurden verhaftet.

Armee öffnete sich

Das Jerusalemer „Museum on the Seam“ veranstaltet Führungen für die jungen Menschen beim Militär, die sonst mit Kunst nicht viel am Hut haben; die Kunstvermittler organisieren Führungen für Grenzsoldaten und für die Immigrationspolizei.

Seitdem bei der zweiten Intifada auf Demonstrationen dreizehn israelische Araber getötet wurden, veränderte sich in der israelischen Armee einiges, sie öffnete sich. Doch diese eifrigen Jugendlichen sollen auf Menschen schießen? Beschossen werden? Sie wirken bereits von der internationalen Kunst zum Thema, auf welche Weise Regierungen und Machthaber entscheiden, wie mit von Staatsbürgerrechten ausgeschlossenen Menschen umgegangen wird, überfordert. „Diese Ausstellung zeigt resolut auf den Platz, an dem eine zeitweise Notsituation in eine legitimierte, kontinuierliche Situation verwandelt wird, die am Ende zu einer Paranoia an Verdächtigungen und zur Benutzung von Gewalt zur Re-Etablierung der öffentlichen Ordnung führt“, steht in großer Schrift am Eingang des Museums, einer ehemaligen Militärkaserne hinter dem Damaskustor an der vierspurigen Road Number One.

Mag. Kerstin Kellermann ist freie Journalistin in Wien.

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