"Parallelgesellschaft“ der Krone-Verkäufer

Sollen Asylsuchende in Österreich finanziell überleben dürfen? Die Innenministerin ist dagegen – von Kerstin Kellermann

Täglich erhielten wir Besuch aus Traiskirchen. Aus dem Flüchtlingslager heraus wagten sich die Menschen nach Wien, weil sie gehört hatten, dass es eine Flüchtlingszeitung geben wird. Mit einer Mischung aus Bewunderung, Stolz und Angst beobachteten die Mitarbeiter der Bunten Zeitung im April 2000, wie es die jungen, afrikanischen Männer in dem Gewimmel in den Wiener U-Bahnen schafften, unser migrationspolitisches Magazin zu verkaufen.

Die Hälfte des Verkaufspreises für die Verkäufer, die andere Hälfte für die Zeitung. Wir schufen aus dem Nichts heraus eine schlechte finanzielle Überlebensmöglichkeit, einen „Job“ und keine „Lohnarbeit“: Zu den besten Zeiten lebten in Folge um die Hundert Flüchtlinge als Kolporteure und dreißig bis vierzig AutorInnen aus aller Herren Länder von der Zeitung. Das Team mußte den Vorstand mühsam überreden, dass es notwendig sei, die Flüchtlinge, die nach zwei Monaten im Caritasheim platzbedingt plötzlich auf der Straße standen und zum Teil noch jahrelang auf ihr Asyl warten würden, existenziell zu unterstützen.

“Schwoarze” Augustin-VerkäuferInnen

Es gelang uns auch, die gar nicht erfreuten Augustin-Vertriebsleute („Wir können kein Englisch!“) zu überzeugen, unseren erfolgreichen Verkäufern der ersten Stunde eine Chance zu geben. Seitdem gibt es „schwoarze“Augustin-VerkäuferInnen in den U-Bahn-Stationen, der direkte Kontakt zur Bevölkerung ist da.

Wie arrogant klingt es hingegen, wenn der EU-Abgeordnete Swoboda im Fernsehen vom österreichischen Arbeitsmarkt redet, der vor dieser Handvoll Flüchtlinge geschützt werden müsse. Denn es geht ja bei der EU-Asylrichtlinie zum Thema Flüchtlingsarbeit nur um die Möglichkeit, während der Wartezeit auf die Asylentscheidung finanziell überleben zu dürfen.

Bis ins hohe Alter

Viele wissen, wie schwer es ist, einen legalen Arbeitsplatz zu ergattern. Als in den 70er Jahren Flüchtlinge aus Pakistan, Indien, Ägypten oder Syrien kamen, durften sie stante pede als Zeitungskolporteure für Krone und Kurier arbeiten. Bis heute gab es keine Probleme mit den Behörden. Mit geringem Fixum plagten sich diese „selbstständigen Unternehmer“ in den Abgaswolken der Wiener Straßen. Heute leiden viele dieser ehemaligen Flüchtlinge aus der „Parallelgesellschaft“ der Kroneverkäufer an Berufskrankheiten, sprechen wenig deutsch und erhalten keine Pension – aus diesem Grund sieht man noch viele Kolporteure im höheren Alter.

Dichands Konzept ging auf: Die Krone wurde der Schlager, wohl auch durch den Zeitungsverkauf von um die 1000 Kolporteuren direkt an den Bürger auf der Straße. Aus dem Kompromis, einer schlechten Arbeitsmöglichkeit für Flüchtlinge, wurde ein Fixum mitten in der österreichischen Gesellschaft.

ÖVP lehnt sich zurück

Die Europäische Union tut sich seit Jahren schwer, einheitliche Regeln für den Umgang mit Flüchtlingen einzuführen. Die Länge der Schubhaft differiert zum Beispiel stark in den einzelnen Ländern. Trotzdem richten viele Flüchtlings-NGOs ihre Hoffnung auf die EU, denn die nationale Gesetzgebung wird noch direkter von wirtschaftlichen Interessen gesteuert. So konnte sich die ÖVP, zwischen der Arroganz der SPÖ, die nur für Paßinhaber sozial sein will, und der Koketterie mit dem Faschismus durch einzelne FPÖler, bequem zurücklehnen: Als angeblich „neoliberale Mitte“konnte sie bei der EU-Wahl Stimmen kassieren. Der ehemalige „Sicherheitsminister“ Strasser scheint zu wissen, wie der Markt funktioniert: Wenn die ideologische Abwehr hoch geschraubt wird, sinken die Preise am „Schwarzmarkt“ für billige Arbeitskräfte.

Sogar Kronezeitungs-Redakteur Claus Pandi gab im Club 2 zum Thema „EU-Asylrechtlinie“ zu, zu wissen, dass in mehreren Branchen (Gastwirtschaft, Landwirtschaft, Bauindustrie…) alles liegen und stehen bleiben würde – ohne die billige Arbeit der Flüchtlinge und anderer Einwanderer. Es wäre an der Zeit, bestimmte Arbeitsformen zu legalisieren, und nur human, auf den dadurch erzielten Profit zu verzichten.

Dieser Artikal erschien in derStandard.at, 12.6.2009 und wird aus aktuellem Anlass noch einmaal geposted.

Zur Autorin

Kerstin Kellermann war von 1999 bis 2003 Chefredakteurin der Bunten (Zeitung), seit 2005 ist sie Redakteurin der art in migration/SOHO IN OTTAKRING und ständige Journalistin des Augustin

siehe auch unter: http://derstandard.at/1244460484052/Parallelgesellschaft-der-Krone-Verkaeufer
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Augustin Nr. 152, Jänner 2005, HEROES

Liebt „seine“ Zeitung, liebt Österreich, erkennt sich dennoch als „eine Null“: Kolporteur Mohamed Gomah

„Ich arbeite bis zu meinem Ende, kein Problem!“

Dass an dieser Stelle Zeitungsverkäufer porträtiert werden, wird niemanden unter unseren LeserInnen überraschen. Dennoch stellt der folgende Beitrag eine Premiere dar. Unsere Aufmerksamkeit gilt diesmal einem, der die „Boulevardzeitung“ der anderen Kategorie, mit mächtigerem Hintergrund, unter die Leute bringt. Der Kolporteur Mohamed Gomah lebt seit 30 Jahren von und für die Kronenzeitung (bzw. Mediaprint). Ein Interview von Kerstin Kellermann.

Herr Gomah, Sie arbeiten nun schon über dreißig Jahre als Zeitungskolporteur für die Kronenzeitung. Welchen Beruf übten Sie vor dieser Zeit aus? Welche Ausbildung haben Sie?

Ich spielte Basketball in der ägyptischen Meisterschaft. Im Jahre 1970 nahm meine Mannschaft an der „African Championship“ für Basketball teil, wir wurden zwölftbeste von ganz Afrika. Aber neunmal von insgesamt 19-mal waren wir afrikanischer Meister. Wir besuchten Meisterschaften in Europa, in Karlovac, Skopje und Ljubljana und die Olympiade in Belgrad. 1972 spielten wir bei der Olympiade in München, mussten aber nach den Terror-Anschlägen sofort zurückfahren. Präsident Sadat schickte uns ein Flugzeug. Ich besuchte die Sportuniversität und war insgesamt neun Jahre lang beim Militär. Ich spielte zweimal bei den Militär-Basketballmeisterschaften mit, verdiente aber nicht besonders. Die jungen Basketballer heutzutage verdienen gut. Am 28. Dezember 1974 fand für mich das letzte Spiel in der African Championship statt, denn am nächsten Tag, am 29. Dezember, bin ich mit dem Schiff von Alexandria nach Venedig abgereist. Mit einem Freund gemeinsam erhielten wir ein Touristenvisum für Österreich, das damals einen guten Ruf hatte. Zwei Tage später feierte ich auf dem Schiff das schönste Sylvester meines Lebens.

Wann begannen Sie als Kolporteur für die Kronenzeitung zu arbeiten? Wie war damals die Lage?

Heute gibt es über 1000 Kolporteure, damals waren es nur 152. Wir fragten bald nach unserer Ankunft im Januar 1975 bei der Kronenzeitung um Arbeit, und seitdem bin ich dabei. Eine österreichische Frau, Waltraud Hassan, mit dem Spitznamen „Marika“, die Ehefrau eines Ägypters, unterstützte mich wirklich. Ohne sie wäre ich nicht da. Sie gab bei der Polizei eine Garantie für mich ab, eine Bürgschaft. Diese Frau werde ich in meinem ganzen Leben nicht vergessen. Seitdem die U-Bahn-Linie Nummer eins 1988 eröffnet wurde, arbeite ich da. Früher war das eine schwere Arbeit, weil wir Akkonto bezahlen mussten. Je höher die Auflage, je höher das Akkonto. Wenn ich alle Zeitungen verkaufe, erhöht sich die Auflage, das ist besser für mich, denn dann verdiene ich mehr. Früher waren wir alleine in der U-Bahn, doch jetzt gibt es diese Gratiszeitung. Außerdem werden auch mehr Abos verkauft, die billiger sind als der Straßenverkauf. 80 Prozent der Auflage aber müssen über den Straßenverkauf gehen. Ich bin über sechzig Jahre alt, seit dreißig Jahren arbeite ich für die Krone. Früher war besser, dass man ein relativ hohes Fixum für das Tragen der Jacke und auch für die Verteilung erhielt.

Waren die Leute freundlich? Wie wurden Sie von der Bevölkerung aufgenommen?

Die Österreicher sind liebe Leute, ich habe sehr guten Kontakt. Ich kenne Leute aus dem Parlament, der frühere Polizeipräsident kaufte bei mir. Ich habe meinen Standplatz in der U-Bahn-Station Kennedybrücke in Hietzing. Bundespräsident Fischer habe ich beim ägyptischen Club kennen gelernt. Einmal fragte ich ein paar Kunden wegen der Übersetzung eines Briefes an den Bürgermeister. Ich bin ein Mieter ohne Vertrag, ich brauche Hilfe, wollte ich dem Bürgermeister schreiben. Diese Kundin mit dem Namen Annemarie Rosa half mir eine Gemeindewohnung zu finden. Innerhalb von drei Wochen bekam ich meine Gemeindebauwohnung, und bis heute lebe ich in ihr. Später erhielt ich die Staatsbürgerschaft und wollte meine Frau holen. Es gab gerade einige Gesetzesänderungen bezüglich Aufenthaltsrecht. Ein Kunde, der Bankdirektor war, sprach mit der österreichischen Botschaft in Kairo, und dann ging es mit dem Visum ganz leicht. Und meine Frau kam zu mir. Jetzt kommen überhaupt keine jungen Ägypter mehr, denn es ist zu schwierig, ein Visum zu bekommen. Nur noch alte Leute gelangen im Rahmen der Familienzusammenführung nach Österreich.

Wie denken Sie über die Demokratie in Österreich?

Hier kann man normal mit einem Polizisten reden. Ich habe meine Ruhe. Ich kenne genau die Gesetze und die Verkehrsregeln, wenn ich mit dem Bus oder mit dem Auto fahre. Es gibt keinen Streit, jeder hat seine Religionsfreiheit. Mich besuchen viele Juden. Jeder für jeden und Gott für alle. Hier leben alle zusammen. Österreich ist wie eine Wohnung, in der alle leben können. Unter einer demokratischen Regierung hat jeder seine Ecke, in der er friedlich leben kann. Die Finger sind nicht alle gleich, die Leute sind nicht alle gleich. Ich bin ein Muselman, und die Leute wissen genau, dass ein Terrorist etwas anderes ist. Niemand hat den Krieg im Irak gewollt, es gibt so viele Tote – ein Krieg ist für alle schlecht. Seit 25 Jahren, seit dem Oktober 1979, arbeite ich auch als Läufer für die Lokale im zehnten Bezirk, jeden Abend zwei Stunden zu Fuß. Das ist mein Sport. Alle kaufen von mir, ich trinke Kaffee auch bei vielen jüdischen Leuten. Hier gibt es keinen Unterschied zwischen diesen und jenen von verschiedenen Religionen – Gott sei Dank!

(zwiti) Niemand hat mir gesagt, dass ich Sozialversicherung einzahlen soll

Wenn Sie am Abend auch noch arbeiten, wann schlafen Sie überhaupt, wenn ich fragen darf?

Ich schlafe von Mitternacht bis drei Uhr früh. Um halb vier beginne ich mit der Auslieferung, um vier kommt das Auto. Ich liefere an 24 Kolporteure aus, mit Lieferschein ausfüllen und allem. Wenn einer Probleme hat, kommt er zu mir, dann spreche ich mit dem Chef. Wir haben auch viele arme Leute aus Bangladesh oder Pakistan, mit denen rede ich Englisch. Wenn ein Platz frei ist, entscheidet der Chef, wer aufgenommen wird.

Wie sieht das aus: Wann werden Sie in Pension gehen?

Ich bin selbstständig, ich habe keine Pension eingezahlt. Niemand hat mir gesagt, dass ich Sozialversicherung einzahlen soll, auf diese Weise habe ich nur die Krankenversicherung eingezahlt. Ich bin selbst schuld. Ich arbeite bis zu meinem Ende, kein Problem! Im Winter bin ich einen Monat in Alexandria, wegen meinen Bandscheiben ist der Winter in Wien nichts für mich. Alexandria hat ein gutes Klima, 18 Grad Celsius im Januar. Hinter Alexandria liegt die Wüste Sahara, da gehen alle Autoabgase hin. Es ist nicht so voller Abgase wie Kairo mit seinen 14 Millionen Einwohnern und dem vielen Verkehr. Meine Frau Wafaa lebt nun auch schon längere Zeit in Ägypten, sie kommt nur im Sommer. Früher waren keine ägyptischen Frauen hier, sie war damals die dritte Ägypterin in Wien und ziemlich alleine. Mein Sohn hat „Englische Wirtschaft“ fertig studiert und arbeitet jetzt in einer Firma. Meine Tochter studiert in Alexandria Anthropologie. Ich bedanke mich bei der Zeitung, dass ich mein Leben aufbauen konnte. Ich habe durch die Zeitung meine Familie ernährt, eine Wohnung gekriegt, meine Kinder haben studiert. Ich liebe meine Zeitung, ich liebe Österreich, aber ich bin hier eine Null. Die Zeitung hat mir viel gegeben, und es ist nicht leicht, nach so langer Zeit aufzuhören. Ich bedanke mich bei der Zeitung für mein Leben. Ich gehe in Ruhe, ich bin zufrieden. Ich grüße jede Person, die bei mir eine Zeitung gekauft hat.

„… geringer, als es die optische Präsenz vermuten lässt“

Wann und wie startete die Kronenzeitung mit dem Straßenverkauf? Augenzeugen oder tätige Personen zu finden ist gar nicht leicht. Drei Ansprechpersonen auf höherer Ebene sind zu jung, um sich zu erinnern. Der vierte Herr hat zu Hause im Regal ein Buch über die Kolporteure liegen – vermutlich aus den 80er Jahren. Er verspricht nachzuschauen. Schließlich schreibt der Vertriebschef der Mediaprint, Prokurist Walter Aue, der Augustin-Journalistin eine E-Mail: „Ich bin 1969 in die Krone eingetreten, da gab es die Kolportage schon, in Wien wurde damals jede dritte verkaufte Krone über diesen Verkaufsweg abgesetzt. Durch veränderte Bedingungen ist heute der Verkaufsanteil wesentlich geringer, als es die optische Präsenz vermuten lässt, nicht zuletzt durch den Ausbau der Hauszustellung. Die seit der Wiedergründung der Krone 1959 tätigen Vertriebs- und Kolportageleiter sind leider bereits verstorben.“

Mit einem Interview mit einem indischen Krone-Kolporteur, der seit 1991 am Reumannplatz arbeitet, setzt Augustin-Mitarbeiterin Kerstin Kellermann in der nächsten Ausgabe ihre Dokumentation über die „Straßenzeitungsverkäufer der anderen Kategorie“ fort. Mit so manchen Migrantinnen, die den Augustin verkaufen, haben sie zumindest eines gemeinsam: Ihre im Herkunftsland genossene Ausbildung würde eine „qualifiziertere“ Tätigkeit in Österreich möglich machen.
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AUGUSTIN Nr. 153, Februar 2005

Der Mediaprint-Kolporteur vom Reumannplatz liebt Österreich. Doch…
„Mit dem Turban kriege ich keine andere Arbeit“

„Die Österreicher sind brave Leute, aber jetzt gibt es Probleme. Seit dem Krieg der USA in Afghanistan und dem Irak sind die Leute nicht mehr so nett – wegen dem Turban“, meint Mediaprint-Kolporteur Jaskirat Singh Randhawa. Dennoch ist sein Österreich-Bild positiv (ähnlich wie beim ägyptischen Kollegen aus Ausgabe Nr. 152) – was unsereinen immer wieder erstaunt.

„Muss ma bissl helfen!“, lächelt der Zeitungsverkäufer Jaskirat Singh Randhawa, mit dunklem Anzug, weißem Hemd und gelbem Turban fesch gekleidet und stolz auf seine Firma Mediaprint. Ein Asylwerber aus dem Pandjab, der erst vor kurzem aus Indien angekommen ist, begleitet uns ein Stück auf der Suche nach einem Kaffeehaus. „Der große Chef hat gesagt, mach ma Interview, also mach ma Interview. Meine Chefs haben mir immer genug geholfen, z.B. als mein Vater gestorben ist, durfte ich ohne Probleme nach Indien fahren.“ Zwischen 1980 und 1992 flüchteten viele Sikhs nach unglaublich viel Gewalt von beiden Seiten im Versuch einen eigenen Staat zu erkämpfen in Richtung Europa. Für die einen „freedom fighters“, für die anderen „Terroristen“, erhielten nicht wenige Asyl in Österreich und arbeiteten als Kolporteure.

Die Kronenzeitung hat die indische Frau Namita auf dem Cover, die ihr Baby am 26. Dezember auf einem Felsen geboren hat, auf den sie vor der Flutwelle geflüchtet war. Sie hat das Baby Tsunami genannt, damit es viel Kraft hat. Gefällt Ihnen das Cover? Möchten Sie etwas zu der Katastrophe sagen?

Mir gefällt das Cover. Im Kurier stand, dass es 145.000 Tote gibt und im Standard schreiben sie, dass 500 Österreicher vermisst werden. Obwohl meine Stadt Amritsar im Landesinneren liegt und nicht betroffen ist, möchte ich sagen, dass man allen Leuten helfen muss. Die Ereignisse sind eine Katastrophe für unser armes Land. Wenn alle Leute zusammen stehen und helfen, kann man schon etwas leisten.

In Indien gab es doch immer wieder blutige Auseinandersetzungen zwischen religiösen Gruppen. Haben die Sikhs nicht Probleme?

Doch, dieses Problem begann in Indien 1983 und dauerte bis 1992. Die Sikhs wollten eine eigenes Land haben. Aber wo soll das hinführen? Wenn dann noch die Hindu extra leben wollen, die Moslems extra und die Christen extra, bleibt niemand mehr übrig, um zusammen zu leben. Es ist schon besser, gemeinsam zusammen zu sein. Die Terroristen machen eine Katastrophe, das Ministerium schickt Militär, die legen Feuer, eine Hinduzeitung schreibt, verhaftet dieses Mann… und so geht das Problem immer weiter.

Wie wurden Sie nun ein Zeitungsverkäufer in Wien?

In Indien machte ich die Matura und anschließend einen Computerkurs. Ich komme aus Amritsar, 450 Kilometer von Neu Delhi entfernt, das ist eine kleine Industriestadt mit viel Textilfabriken und Geschäften. Als ich keine Arbeit mehr fand, bin ich nach Österreich ausgewandert. Ich hatte keine politischen Probleme. Am 9. September 1991 arbeitete ich den ersten Tag als Kolporteur, seitdem bin ich durchgehend am Reumannplatz.

(zwiti) „Es ist zu wenig Geschäft. Wir verdienen ja pro Zeitung, nicht pro Stunde“

Sind die Leute freundlich?

Die Österreicher sind brave Leute, aber jetzt gibt es Probleme. Seit dem Krieg der USA in Afghanistan und dem Irak sind die Leute nicht mehr so nett – wegen dem Turban. In „Täglich alles“ habe ich vor ein paar Jahren gelesen, dass am Prater ein älterer Zeitungsverkäufer, der einen Turban trug, erschossen wurde. Aber warum das passiert ist, stand nicht drin. Das weiß ich bis heute nicht. Schimpfen tun die Leute schon, aber nur die Jungen. Freitag, Samstag abends sind einige betrunken und schimpfen. Neulich sagte ein Junge mit bunten Haaren zu mir: „Gib mir eine Zeitung, aber ich habe kein Geld.“ Auf meine Antwort, dass die Zeitung nicht gratis ist, wurde er aggressiv. Ich bekam Angst, weil ich kurz zuvor beobachtet hatte, wie ein Junge wegen einer Religionsstreitigkeit ein Messer gegen einen anderen gezückt hatte. Die Stationsaufsicht und ein Kunde halfen mir. Aber sonst sind die Leute brav. Am Anfang gaben mir viele Leute zu Weihnachten Geschenke, aber seitdem der Euro vor zwei Jahren kam, haben sie kein Geld mehr. Manche sagen sogar, ich kaufe keine Zeitung, ich habe kein Geld.

Lebt ihre Familie in Wien?

Im April 1997 sind meine Frau und die Kinder nach gekommen. Wir haben das alleine geschafft. Meine Frau arbeitete in Indien bereits lange Jahre als Krankenschwester. Aber hier besteht sie den Deutschtest einfach nicht. Sie ist schon zweimal durchgefallen. Sie will arbeiten und versteht alles, aber sprechen kann sie nicht. Für Leute, die nicht Englisch gelernt haben, ist die deutsche Grammatik sehr schwierig. Meine Kinder gehen in das Gymnasium, mein Sohn ist Lesemeister in der ersten Klasse. Ich habe Deutsch gelernt, indem ich die Zeitungen lese. In der Krone unterliniere ich die Wörter, die ich nicht verstehe, und zu Hause schaue ich im Wörterbuch nach. Beim Standard lese ich auch immer die erste Seite. Den Kurier finde ich ein bissl schwierig. In Zukunft werde ich auch den Augustin anschauen, versprochen.

Wie geht es Ihnen mit der Gesundheit und mit Ihrer Pension?

Es ist schon sehr kalt beim Zeitungsverkauf. Manchmal bin ich so alleine, denn wenn es kalt ist, gehen die Leute nicht auf die Straße. Momentan zahle ich nur die Krankenversicherung ein, denn mein Einkommen ist nicht so hoch. Früher zahlte ich auch die Sozialversicherung, aber irgendwann hatte ich dann 71.000 Schilling Schulden und musste das auf Raten abzahlen. Es ist zu wenig Geschäft. Wir verdienen ja pro Zeitung, nicht pro Stunde. In Indien erhält man Pension, wenn man für die Gemeinde gearbeitet hat, wer privat arbeitet, bekommt keine. Ich habe schon über die Pension nachgedacht, aber es ist schwer. Man verkauft nicht so viele Zeitungen und mit dem Turban kriege ich keine andere Arbeit. In England kann man mit Turban sogar Polizist oder Busfahrer werden. Dabei bin ich gar kein politischer Mensch, ich bin ruhig und ich bin zwar religiös, aber kein Fanatiker. Manchmal habe ich Heimweh, die Wohnung ist auch klein mit den Kindern und es ist kalt, wie gesagt.

Gefällt Ihnen die Demokratie in Österreich?

In der Schule habe ich das Thema Demokratie studiert. Democracy is for the people, by the people and of the people. Das ist die Definition. In Österreich herrscht eine soziale Demokratie vor, in Indien nur die Demokratie. Der österreichische Staat gibt ein bisschen Hilfe wie Notstands- oder Wohnbeihilfe…, in Indien sagt der Staat, wenn wir keine Arbeit haben, ist das unser Problem. Die Österreicher machen ihre Wahlen alleine, aber bei den nächsten Wahlen werde ich als neuer Staatsbürger auch meine Stimme abgeben. Mir gefällt die soziale Demokratie.

Mit Jaskirat Singh Randhawa sprach Kerstin Kellermann

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